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Hanser eBook
Barbara Honigmann
Ein Kapitel
aus meinem Leben
Carl Hanser Verlag
ISBN 978-3-446-24238-8
© 2004/2012 Carl Hanser Verlag München Wien
Satz: Fotosatz Reinhard Amann, Aichstetten
E-Book-Konvertierung: Beltz Bad Langensalza GmbH
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Es war grausam, Ethel und Julius Rosenberg hinzurichten, aber unschuldig waren sie nicht«, sagte meine Mutter, während sie vor dem Spiegel ihre wilde Frisur in irgendeine Ordnung zu bringen versuchte; und obwohl das, was sie da sagte, im Gegensatz zu allem stand, was ich um mich herum hörte, was sie in der Schule lehrten und wie es sonst überliefert wurde, ließ meine Mutter gar keinen Zweifel daran, daß sie es besser wußte, und deswegen fragte ich auch nicht nach. Statt dessen fragte ich sie nach ihrer ursprünglichen Haarfarbe, weil sie sich, soweit ich überhaupt zurückdenken kann, die Haare färbte, natürlich nur in dunklen Tönen, denn sie war ja ein »dunkler Typ«, in diesen Tönen allerdings schöpfte sie das ganze Spektrum von Dunkelblond bis Tiefschwarz über Rostbraun und Feuerrot voll aus. Sie antwortete mir, das weiß ich nicht mehr, ich hab’s wirklich vergessen.
An ihre ursprüngliche Haarfarbe konnte sie sich nicht mehr erinnern, aber daß Ethel und Julius Rosenberg nicht unschuldig hingerichtet worden waren, das wußte sie genau.
Wir wohnten in einer Villa im Berliner Stadtteil Karlshorst, in dem am 8. Mai 1945 die bedingungslose Kapitulation Deutschlands unterzeichnet worden war, natürlich nicht in unserer Villa, aber ganz in der Nähe davon, ein großer Teil von Karlshorst war seitdem zur sowjetischen Garnisonsstadt geworden, mit einer riesigen Kaserne für die Soldaten und abgesperrten Gebieten für die militärischen Übungen, aber es gab auch einen zivilen Teil mit Geschäften, Kino und Kultursaal und, noch näher bei uns, einige Wohnblöcke, in denen Offiziere mit ihren Familien wohnten. Ihre Kinder spielten in den Innenhöfen zwischen den Wohnblöcken, und ich ging manchmal hin, um mitzuspielen, doch ich blieb all die Jahre das einzige deutsche Kind, das auf den Russenspielplatz ging. Unser Hund Poldi allerdings, der von einer »undressierbaren Promenadenmischung stammte und Folgen nicht gelernt hatte«, wie mein Vater erklärte, verlief sich beim Spazierengehen regelmäßig in das militärische Sperrgebiet hinein, aus dem man tagsüber und manchmal auch nachts gefährliche Geräusche wie Schüsse hörte und in das man natürlich keinen Fuß zu setzen wagte, was ja auch allerstrengstens verboten war; wir mußten dann in der Kommandantur anrufen und fragen, ob ihn die Militärbehörde irgendwo aufgegriffen hatte, dann konnten wir ihn später auf der Kommandantur abholen. Mit der Zeit kannten sie ihn schon und brachten ihn uns entgegen: Wot waschji Poldi!
Als eines Tages an unserer Tür in Karlshorst ein Mann klingelte und mit starkem englischem Akzent nach Mrs. Hannnigmänn fragte, waren die Rosenbergs seit über zehn Jahren hingerichtet und meine Mutter seit fast 20 Jahren aus dem englischen Exil zurückgekehrt. Eigentlich war sie nicht »zurückgekehrt«, da sie Berlin in ihrem ganzen Leben vorher noch nie betreten hatte, sondern sie war meinem Vater gefolgt, der in Berlin an ein früheres Leben als Journalist bei der Vossischen Zeitung anknüpfen konnte, während meine Mutter den Bruchstükken ihres Lebens nur ein neues hinzufügte. Meine Eltern sprachen noch oft englisch miteinander und mit ihren Freunden, die ebenfalls aus der Emigration zurückgekehrt waren und von denen sich einige Ehefrauen aus England oder den USA mitgebracht hatten, die natürlich kein Deutsch sprachen und sich auch keine besondere Mühe gaben, es zu lernen, und das Englischsprechen war wohl auch eine Art, sich der Zusammengehörigkeit und des Zusammenhalts zu versichern und gegen die Ablehnung derer zu schützen, die sie als fremd und als privilegierte Parteielite ansahen, was keine ganz falsche Wahrnehmung war. Sie waren als Juden fremd geworden und waren mehr oder weniger privilegiert, weil sie zur Parteielite gehörten oder wenigstens eine höhere Stufe in der Kulturhierarchie einnahmen. Ihre Privilegien, ihr Kosmopolitismus und ihr Status als überlebende Juden und als Kommunisten waren ihre Stigmata.
Die Villa in Karlshorst stammte aus den 20er oder 30er Jahren und war jetzt in mehrere Wohnungen unterteilt. Wir bewohnten die Wohnung im Erdgeschoß mit großen hellen Zimmern, deren Böden mit glänzendem Parkett ausgelegt waren, einem Wintergarten zur Straße hinaus und einem kleinen Garten hinter dem Haus, in dem meine Mutter im Sommer in einem Liegestuhl unter dem Apfelbaum die Zeitung las. Im ersten Stock war die Wohnung in zwei geteilt, und in jeder wohnte eine Mutter mit einer Tochter, deren Väter wohl im Krieg gefallen waren. Unter dem Dach wohnten Lomi, Brauni und Waldtraud. Lomi sah aus wie hundert, Brauni sah aus wie achtzig und Waltraud war achtzehn. Brauni war die Tochter von Lomi und Waltraud war die Tochter von Brauni, und auch ihre Männer und Väter mußten in den verschiedenen Kriegen gefallen sein, es gab sie nicht, und sie wurden eigentlich auch nie erwähnt. Dafür sprachen die beiden Witwen um so mehr vom Treck, von den Bomben und von den Russen, denen sie auf dem Weg von Ostpreußen ausgeliefert gewesen waren, und dabei rollten sie das R noch härter, als meine Mutter das R rollte, die ihre österreichisch-ungarische Herkunft genausowenig verbergen konnte wie die Frauen aus Ostpreußen die ihre. Lomi heizte und kümmerte sich um unseren kleinen Garten, Brauni räumte die Wohnung auf, kochte, wusch und bügelte für uns, während meine Mutter bei der DEFA arbeiten ging, die Hausangestellten großzügig bezahlte und freundlich behandelte und sich damit ein für allemal eine unüberbrückbare Distanz erkaufte. Vielleicht erzählten Lomi und Brauni auch deshalb so viel von den Leiden des Krieges, vom Treck und von den Bomben, damit meine Mutter gar nicht erst anfing, von ihrem Leben zu erzählen. Sie schlug sowieso nur die Augen zum Himmel über ihre Lamentiererei, die Engländer jedenfalls hätten sich auch in den schlimmsten Zeiten nicht so unwürdig beklagt.
Lomi war eine stadtbekannte Wunderheilerin, jedenfalls in den Straßen um uns herum war sie dafür sehr bekannt; mein Vater, der sie sonst durchaus respektierte, nannte sie einfach »die Hexe«, wegen ihres Buckels, ihrer Winzigkeit und ihrer behaarten Warzen; vielleicht wollte er sich mit dieser Bezeichnung auch dafür rächen, daß man ihn früher selbst sooft »Affe« genannt hatte, wegen seiner dichten schwarzen Behaarung bis zu den Fingerspitzen; erst in England hatte niemand mehr »Affe« zu ihm gesagt. Sogar von Karlshorster Ärzten wurden Lomi Patienten geschickt, die sie dann in Vollmondnächten durch Besprechen, Handauflegen und Zaubertränke heilte. Im Winter heizte sie und kümmerte sich um die Holz- und Kohlenlieferung für das Haus, in dem wir in den vier Zimmern des Erdgeschosses wohnten.
Meine Mutter war die einzige Frau im Haus, die keine Witwe war, dafür war sie zum dritten Mal geschieden und lebte seit der letzten Scheidung, der von meinem Vater, mit einem Mann zusammen, den ich Onkel Wito nannte. Onkel Wito war also der einzige Mann im Haus, allerdings nur während der Woche, denn das Wochenende verbrachte er meistens mit seiner früheren Familie in Karolinenhof, dafür kam dann mein Vater zu Besuch nach Karlshorst. In dem Haus der Frauen und Töchter war ich die Jüngste, und während die Mütter vom Treck und den Bomben sprachen, weihten mich die Töchter in die wichtigen Liebesangelegenheiten ein, die sie gerade erlebten, und ließen sich dazu herab, mich gleichzeitig aufzuklären, was allerdings überflüssig war. Denn wie alle »orientalischen Mädchen«, wie mein Vater sich ausdrückte, war ich frühreif und hatte mit meiner Freundin, die ebenfalls ziemlich »orientalisch« war, schon in der ersten Klasse Jungen, die uns gefielen, in den nahe gelegenen Wald, ins Gras gelockt, eskortiert vom Dackel Poldi, der die Heiners und Reiners wegbiß oder wenigstens wegkläffte, wenn sie uns heimlich nachgeschlichen kamen, obwohl sie auf der Warteliste für die Waldstunde noch ganz weit hinten standen.
Meine Mutter glaubte wohl, Lomi, Brauni und die anderen Frauen im Haus wüßten gar nichts über ihre Herkunft und wo sie die Zeit des Krieges verbracht hatte, aber sie wußten es ganz genau, denn mir gegenüber machten sie manchmal Andeutungen und Bemerkungen, doch das Wort Jude nahmen sie dabei nicht in den Mund, dieses Wort sprachen sie nie aus, es existierte überhaupt nicht, auch in der Schule kam es nie vor. Nur einmal, als ich bei Lomi und Brauni unterm Dach irgend etwas holen oder ausrichten sollte, sagte Brauni, und Lomi nickte dazu, »wenn es wieder passiert, werden wir dich hier irgendwo unter dem Dach verstecken«. Genauso sagten sie es, und ich schäme mich heute noch dafür.
Lomi wischte gerade im Hausflur und Brauni räumte in unserer Wohnung auf, während ich wahrscheinlich Schulaufgaben machte, als der sehr westlich wirkende Mann mit starkem englischem Akzent nach Mrs. Hannnigmänn fragte und wir ihm antworteten, sie sei nicht da. Wann sie wieder zurück sei, fragte er. Wann er wiederkommen könne. Das alles mit dem starken englischen Akzent. Mrs. Hannnigmänn, hier wohne sie doch? Ja, hier wohne sie. Ob ich die Tochter sei. Ja, das sei ich.
Er kam abends oder am nächsten Tag wieder und folgte meiner Mutter ins Wohnzimmer, sie schloß die Tür fest hinter sich zu; dann ging er wieder und war eigentlich nicht sehr lange geblieben.
Danach wurden Lomi, Brauni und ich zur Krisensitzung beordert. Nie wieder eine Auskunft geben. Nichts sagen. Kein Wort zu jemandem, der nach Mrs. Hannnigmänn fragt. So lautete die Order, und wir wußten noch nicht einmal, worüber wir nichts sagen durften. Meine Mutter beeilte sich nicht, es uns mitzuteilen.
In den nächsten Wochen kamen immer mehr westlich wirkende Männer, die mit starkem englischem Akzent nach Mrs. Hannnigmänn fragten. Meine Mutter hat sie wieder weggeschickt und denen, die sie doch zu einem Gespräch überredeten, jede Aufklärung verweigert, so daß in den zahlreichen Artikeln und Büchern, die diese Männer dann in der Folge veröffentlichten, immer wieder »die Hausangestellte« auftaucht, zu der sie Lomi und Brauni zusammenfaßten, die ihnen doch überhaupt nicht hatten weiterhelfen können, da sie nicht einmal Englisch verstanden. Und in Ermangelung auch nur der geringsten Spur eines Hinweises auf das, was sie suchten, auf den Anfang einer Geschichte nämlich, die gerade ans Licht gekommen war, eines großen Skandals, einer Sensation, an der meine Mutter offensichtlich einen Anteil hatte, erfanden sie einfach Details ihres Lebens, die ich dann später in den Büchern und Artikeln dazu fand und deretwegen mein Vater meinte, meine Mutter müsse gegen alle diese Veröffentlichungen klagen, so unverschämt und obszön seien sie, da könnte sie außerdem noch zu einer Menge Geld kommen, du weißt doch, in England kannst du mit solchen Klagen Millionär werden!
Meine Mutter wirkte, wenn sie die englisch sprechenden Herren verabschiedet hatte, aufgeregt und verschlossen zugleich, aber sie gab weiter keine Erklärungen über diese Unruhe, die nun in unser Haus eingezogen war. Immer wieder nur die Order, nicht über das zu sprechen, worüber ich sowieso nichts wußte.
Ein Name aber war gefallen, der mir fremd und vertraut war, ich kannte ihn als Schriftzug, hatte aber vorher noch nie seinen Klang gehört. Bei meinen Forschungen in unserer Bibliothek, die ich oft unternahm, weniger auf der Suche nach Lektüre, als um Bücher in die Hand zu nehmen und anzuschauen, die, in Englisch oder Französisch, offensichtlich aus einer anderen Zeit und einem anderen Leben meiner Mutter stammten, war ich auf diesen Namen gestoßen. In einer zweibändigen Shelley-Ausgabe stand neben dem Vorsatzblatt mit den Shelley-Worten »Poets are the trumpets, which sing to battle. / Poets are the unacknowledged legislators of the world« in sehr kleiner, feiner Schrift: H.A.R. Philby, Trinity. In anderen Büchern stand derselbe Name, aber in der wilden, unverwechselbaren Schrift meiner Mutter: Litzy Philby. Das war ihr Name, jedenfalls teilweise war es ihr Name, Litzy war einer der Namen, mit denen sie genannt wurde, den anderen Teil des Namens aber kannte ich nicht und wußte nichts mit ihm anzufangen, und deshalb betrachtete ich den Schriftzug immer wieder, als könnte er vielleicht eines Tages zu sprechen anfangen und mir sein Geheimnis preisgeben. Regelmäßig zog ich deshalb die Bücher immer von neuem aus dem Regal, damit sie einmal den Mund aufmachten, und so konnte mir nicht entgehen, daß irgendwann einige der Seiten, auf denen der Name geschrieben stand, herausgerissen waren, aber nicht systematisch alle, denn systematisch konnte meine Mutter überhaupt nicht handeln, das sah man ja schon an der Schrift. Eigentlich ist das die Schrift einer Verrückten, sagte mein Vater manchmal.
Meine Mutter hatte, trotz all dieser Geheimnisse, gar keinen verschwiegenen Charakter, sie redete viel und gerne und war eine Meisterin der Konversation, also der Kunst, das Gespräch von der einen in eine andere Richtung zu wenden. So wendete sie auch meine Fragen nach den Fotos ab, auf denen ein interessanter junger Mann mit Pfeife zu sehen war und die ich zwischen all den anderen Fotos gefunden hatte, die sie in wildem Durcheinander in einem Schuhkarton aufbewahrte, obwohl diese Art der Aufbewahrung eher der Zerstörung nahekam; jedenfalls wurden in dieser Sammlung keine Zeugnisse der Erinnerung gepflegt, nichts wies auf die Herkunft der Fotos hin, eine Beschriftung auf der Rückseite etwa, wie man das bei ordentlichen Menschen findet. Fotos völlig nebensächlicher Leute und Gruppenbilder vom Betriebsausflug lagen neben denen ihrer verstorbenen Eltern und alter Freunde und denen von dem jungen Mann mit der Pfeife. Natürlich fragte ich meine Mutter, wer ist das, ein Freund von früher? was macht er? Aber sie hatte die Fähigkeit, diese Fragen immer ganz beiläufig und ohne, daß ich es richtig merkte, in ein Gespräch über meine Angelegenheiten umzulenken, über die Schule, über meine Freundinnen, über die Ballettstunde oder über die Sommer- oder Wintermode. Sie stellte immer viele Fragen, aber Antworten gab sie nie.
Kurze Zeit, bevor die englischen Journalisten auftauchten, war Onkel Wito ausgezogen. Ein paar Jahre hatten wir in der Karlshorster Villa zusammengelebt, unter einem Dach, wie man so sagt, fast wie eine richtige Familie. Wir verstanden uns gut, Onkel Wito und ich, obwohl wir nicht viel miteinander sprachen; mein Vater sagte etwas abfällig von ihm, er schreibe Gedichte über die Natur, deswegen spreche er so wenig. Fast jeden Abend tauschte er mir Schokolade gegen Hals- und Nackenkraulen ein, erst kraulte er mir eine Viertelstunde den Hals und Nacken, und dann bekam ich die Schokolade. Westschokolade, die er wiederum von seiner Sekretärin aus dem Betrieb geschenkt bekam, er mochte sie aber gar nicht, die Schokolade, deshalb gab er sie an mich weiter. An den Wochenenden nahm er mich und Poldi manchmal mit zu seinen Söhnen nach Karolinenhof oder uns alle zusammen auf einen Ausflug, und dann kam es mir schon fast so vor, als hätte ich große Brüder, denn sie waren beide älter als ich. Der ältere lehrte mich die Schauspielkunst, und dem jüngeren durfte ich beim Experimentieren mit dem Chemiebaukasten assistieren, dazu füllten wir ein bißchen Benzin aus dem Kanister ab, der im Kofferraum von Onkel Witos Auto lag, und die Flammen schlugen bei unseren Experimenten manchmal ziemlich hoch, wir konnten sie gerade noch mit den Sofakissen löschen.
Dann, als ich einmal am letzten Schultag vor den Sommerferien unerwartet früher aus der Schule nach Hause kam, fand ich Onkel Wito, der ja sonst genau wie meine Mutter tagsüber auf der Arbeit war, plötzlich inmitten eines großen Durcheinanders vor, das einem Auszug ähnelte. Sämtliche Schranktüren offen, alle Schubladen herausgezogen, Koffer und Taschen auf Tischen und Betten, offensichtlich packte er. Ich fragte, was los sei, und er erklärte, daß er mit seinen beiden Söhnen in die Ferien fahre, diesmal für den ganzen Sommer, und auch Poldi mitnehmen wolle, damit er sich mal in einem richtigen Wald auslaufen könne und nicht bloß auf dem militärischen Sperrgebiet der Russen nebenan. Diese Ferien waren offenbar als ein Herrenvergnügen geplant, denn von meiner Begleitung oder auch nur einem Besuch war nicht die Rede. Er schien mir verlegen, und so zog ich mich lieber zurück. Nahm einen Apfel und ging wie jeden Nachmittag zu meiner Freundin Bettina. Na, tschüß dann, mach’s gut, bis nach den Ferien, und paß gut auf Poldi auf!
Den Hund habe ich nie mehr wiedergesehen, und dabei hieß es immer, er sei »mein« Hund, schließlich hatte er doch in meinem Zimmer geschlafen. Am Abend dieses Tages, als ich schon im Bett lag, hörte ich vom anderen Ende des Flurs, im Wohnzimmer, meine Mutter weinen und meinen Vater, der wohl nicht zufällig vorbeigekommen war, auf sie einreden, ich selber weinte in meinem Bett auch, und dann kamen sie vom anderen Ende der Wohnung als Komitee in mein Zimmer anmarschiert und überbrachten mir die Nachricht, daß Onkel Wito ausgezogen sei und mich und meine Mutter verlassen habe, was ich inzwischen längst begriffen hatte, nachdem ich Zeugin seines Auszugs geworden war, ihn beim Packen erwischt und er mir »schöne Ferien« gewünscht hatte.
Wir weinten nun gemeinsam, meine Mutter und ich, und mein Vater redete uns gut zu, und meine Mutter sagte beim Tränenabwischen, es wird schon gehen, ach, es wird schon gehen. Es war ja auch nicht das erste Mal.
Von diesem Tag an gab es dann wirklich nur noch Frauen in der Karlshorster Villa, keinen einzigen Mann mehr und nicht mal mehr einen Hund.
Poldi soll wenig später in seiner neuen Heimat in Klein-Machnow, wo Onkel Wito nun mit der Sekretärin wohnte, die ihm immer die Schokolade gebracht hatte, an einer Vergiftung gestorben sein, nachdem er an einem frisch gestrichenen Zaun geleckt hatte, aber das konnte ich nicht glauben, so dumm war doch Poldi nicht, daß er an einem frisch gestrichenen Zaun geleckt hätte – kein Hund kann so dumm sein! Nach dem Tod des Hundes bekamen Onkel Wito und die Sekretärin ein Kind, haben mir viele Jahre später Leute aus Klein-Machnow erzählt. Ich habe es aber meiner Mutter nicht weitergesagt, obwohl sie es sicher schon irgendwoher erfahren haben wird; seit dem Abend jedoch, als wir beide wegen Onkel Witos Auszug geweint hatten und sie »ach, es wird schon gehen« gesagt hatte, haben wir ihn in unseren Gesprächen nicht wieder erwähnt, seinen Namen nie mehr ausgesprochen. Er war ausgelöscht, der Name, als ob er nie existiert hätte, und auch die anderen Frauen im Haus, die Hexe Lomi, Brauni, Waltraud und die übrigen Witwen mit ihren Töchtern aus der geteilten Wohnung über uns haben Onkel Wito, der doch in ihren Augen jahrelang so etwas wie der »Chef« des Hauses gewesen war, nie wieder erwähnt, genausowenig, wie sie je über ihre eigenen Männer sprachen, die wir nie gesehen hatten.
Einige Wochen nach dem Auszug hat mich Onkel Wito noch manchmal von meiner Ballettstunde abgeholt, um mich danach zum Eis- oder Kuchenessen einzuladen, aber dann wußten wir nicht, was wir uns sagen sollten, von seinen Söhnen sprachen wir nicht, nicht von Poldi und von Karlshorst und von meiner Mutter schon gar nicht, und diese vielen Auslassungen machten, daß wir auch nicht recht wußten, wie wir uns ansehen sollten, wir waren diesem intensiven Einander-Gegenübersitzen gar nicht gewachsen, weil wir uns bis dahin ja immer nur im gewöhnlichen Nebeneinander des Familienlebens, des Tür-an-Tür-Wohnens begegnet waren. Vielleicht tolerierte auch seine neue Frau aus Klein-Machnow diese Treffen nicht, oder er hatte Angst, dabei irgendwann einmal meiner Mutter wiederzubegegnen, denn die Eisdiele, in die er mich führte, war nicht ganz nah, aber wohl auch nicht weit genug entfernt von unserem Haus, in dem wir so viele Jahre zusammengelebt hatten. Bald gab er die Treffen wieder auf, eine Weile sah ich mich nach der Ballettstunde noch auf dem Weg zur Straßenbahn nach seinem blauem Wartburg um, bis ich begriff, daß ich ihn nicht mehr zu erwarten brauchte, und auch die Ballettstunden gab ich kurz danach auf, weil die Ballettlehrerin, die eine Palucca-Schülerin war und uns deshalb sowohl klassischen Tanz als auch Ausdruckstanz lehrte, mir immer wieder zu verstehen gab, daß ich eigentlich für den Tanz, selbst für den modernen, ungeeignet sei, zu kurze Beine, keinen hohen Spann hätte, und mich in allen Aufführungen immer nur in der Rolle als Baum besetzte, was eine dauernde tänzerische Unterforderung und Entmutigung für mich war.
Fast gleichzeitig also verschwanden aus unserem Haus mit Onkel Wito und seinen Sachen auch die Poldi-Sachen, sein Napf, sein Spielzeug, seine Decke, und auch die Ballett-Sachen warf ich dann weg, Tutu, Schläppchen, Spitzenschuhe, und ging auch nicht mehr in die Staatsoper, um mir Schwanensee anzusehen, und nicht einmal zum Gastspiel von Maurice Béjarts Sacre du printemps, das in Berlin Furore machte.
Meine Mutter hat es mir nie gesagt, aber ich glaube, daß sie es war, die Onkel Wito aufgefordert hat, seine Sachen zu packen und zu verschwinden, nachdem sie seine Affäre mit der Schokoladensekretärin entdeckt hatte, die sie nicht zu dulden oder zu tolerieren bereit war. Daher seine Verlegenheit, als ich ihn beim Kofferpacken überraschte, nicht nur wegen des heimlichen Auszugs, sondern weil er das wahrscheinlich gar nicht so vorgesehen hatte, eine so dramatische Steigerung einer kleinen Affäre, aber meine Mutter wird wohl gesagt haben, DIE oder ICH, entweder Karlshorst oder Klein-Machnow. Ein Arrangement, einen Kompromiß, ein Abwarten, wie die Dinge sich entwickeln, hatte sie nicht mehr im Sinn. Es war die letzte Episode ihres Zusammenlebens mit einem Mann, danach zog sie es vor, allein zu bleiben. Schluß damit. Die Lebensbruchstücke meiner Mutter hatten alle scharfe Kanten.
Einmal, lange vorher, habe ich sie mit Onkel Wito überrascht. Wie oft, wenn sie gemeinsam von der Arbeit aus dem Synchronstudio nach Hause kamen, hatte ich das Auto in die Garage einfahren gehört, und als sie wenige Minuten danach noch nicht in der Wohnung angekommen waren, wunderte ich mich, wo sie denn blieben, ging ihnen entgegen und öffnete die Tür zum Hausflur – da standen sie beide in einer Umarmung, im dunklen Hausflur, und küßten sich, dann aber bemerkten sie mich, und meine Mutter entzog sich geniert und ein bißchen aufgelöst aus Onkel Witos Armen, er jedoch lachte laut und gab ihr einen Klaps und schubste sie ganz fröhlich die paar Stufen zu unserer Wohnung hoch, und es war gar nicht die Intimität, in der ich sie fand, die mich beunruhigte, sondern der Zustand der Aufgelöstheit und Verschüchtertheit meiner Mutter, als wäre sie die Tochter und nicht ich, und als wäre Onkel Wito gar nicht ihr Mann, sondern unser beider Onkel und würde sich nun mit seinen beiden kleinen Nichten beschäftigen. Es tat mir weh, meine Mutter so klein zu sehen, und es scheint mir, daß immer etwas Verschämtes zwischen ihnen gewesen ist. Onkel Wito war jünger als sie, nach der Scheidung meiner Eltern war er ebenso plötzlich an der Seite meiner Mutter aufgetaucht, wie die neue Frau an der Seite meines Vaters. Und er war ein richtiger Deutscher, also kein Jude. Wo er eigentlich herstammte, habe ich nie erfahren, er erzählte nicht wie Lomi oder Brauni von Ostpreußen oder vom Treck, er rollte das R nicht, und er sprach auch nicht wie die Väter meiner Freundinnen von der Front in Rußland oder Dänemark, nicht mal von Bomben sprach er, und war doch sicher Wehrmachtssoldat gewesen, das konnte wohl kaum anders gewesen sein, es waren ja seine besten Mannesjahre, aber das wurde mit keinem Wort berührt, jedenfalls habe ich es nie gehört, obwohl ich natürlich nicht weiß, was sie sich beide, Onkel Wito und meine Mutter, gegenseitig erzählten oder verschwiegen. Jetzt waren beide in der Partei, der SED, Onkel Wito hatte sogar eine Funktion in der Parteileitung des Betriebes, und wenn sie am Montagabend gemeinsam von der Parteiversammlung nach Hause zurückkehrten, waren sie Kämpfer an der gleichen Front, sprachen angeregt miteinander in einem schwungvollen Marxismus-Leninismus, waren Genossen beim Aufbau und Umbau des ehemals faschistischen Deutschlands in ein neues, schönes, friedliches, sozialistisches Land.
Wenn die Freunde meiner Mutter aus den früheren Exiljahren zu Besuch kamen, tauchte Onkel Wito jedoch ab, verzog sich zu seinen Söhnen nach Karolinenhof, schrieb da vielleicht seine Naturgedichte, über die sich mein Vater lustig machte. Ich habe nie ein Gedicht von ihm gesehen oder gelesen, aber ich sah ihn manchmal versonnen im Garten stehen und in die Luft gucken, das waren Momente, von denen ich vermutete, daß er dann dichtete. Ich weiß nicht, ob die Freunde meiner Mutter Onkel Wito jemals zu Gesicht bekommen haben. Vielleicht mochte meine Mutter ihren Gefährten aus der Emigration keinen ehemaligen Wehrmachtssoldaten als neuen Lebensgefährten präsentieren; so oder so paßte er nicht in den Emigrantenkreis. Vielleicht fühlte sie sich zwischen den verschiedenen Loyalitäten, zwischen ihren alten Freunden und ihrem neuen Geliebten, hin und her gerissen, vielleicht schämte sie sich sogar für die Anziehung, die dieser Deutsche auf sie ausübte. Deshalb war es ja so wichtig, daß sie in den politischen Ansichten übereinstimmten, wenn sie auch, von seiner Seite, wahrscheinlich neu erworben waren.
Meine Mutter und Onkel Wito gingen als Feinde auseinander, während mein Vater meiner Mutter bis zu seinem Lebensende, über mehrere Ehen hinweg, ein Freund blieb. Mein Vater hat mir sogar einmal gesagt, die Bindung an meine Mutter sei von Anfang an aus mehr freundschaftlichen Gefühlen erwachsen und nicht aus einer Leidenschaft der Liebe, deshalb war ihnen die Scheidung wohl besser gelungen als ihre Ehe, nach deren Zerbrechen die Freundschaft erst ihre eigentliche Form finden konnte. Mein Vater sah sich sowieso als jemand, der kein Glück in der Liebe fand, alle seine Frauen und Geliebten seien ihm fremd geblieben, zog er einmal traurig Bilanz. Mein Vater sprach oft mit mir über seine Frauen und Ehen, und ich fühlte mich davon auf ähnliche Weise überfordert wie von der Schweigsamkeit meiner Mutter über diese Dinge, die sie selber »Diskretion« nannte. Um aus diesen Fremdheiten mißlungener Lieben vielleicht noch irgend etwas zu retten, war es meinem Vater wichtig, nein forderte er, daß alle Frauen und Geliebten miteinander befreundet sein oder sich wenigstens Mühe geben sollten, miteinander auszukommen, und auch von mir forderte er das. Und so kam es, daß ich ausgerechnet in Leipzig bei den Eltern der dritten Frau meines Vaters, mit der er im übrigen gerade in Scheidung lag, zum ersten Mal den Namen aussprechen hörte, den ich immer nur als Schriftzug gekannt hatte.
Ab und zu verbrachte ich nämlich ein Wochenende bei diesem Paar, das ich ganz aufrichtig als Stiefgroßeltern annahm, denn Großeltern hatte ich ja nicht, und sie »adoptierten« mich leicht, weil sie umgekehrt kein anderes Enkelkind besaßen. Käthe und Ferdinand waren ein altes Schauspielerehepaar, das noch etwas von der Zeit der avantgardistischen 20er und frühen 30er Jahre ausstrahlte, noch jetzt lebten sie, unbürgerlich, libertär und ein bißchen exzentrisch. Bis zur Hinrichtung von Käthes Geliebtem durch die Nazis sollen sie sogar in einer ménage à trois und teilweise auch à quatre gelebt haben. Wegen dieser libertären Einstellung fiel es ihnen leicht, den großen Altersunterschied zwischen ihrer Tochter und meinem Vater zu akzeptieren, mit dem sie auch noch Erinnerungen aus der Wandervogelzeit und an die hessische Heimat teilen konnten, oftmals fielen sie dabei in den hessischen Dialekt, so daß ich kaum ein Wort verstehen konnte. Während ihrer ménage à trois- und quatre-Zeit hatten sie Kontakte zur Roten Kapelle gehabt, in diesem Zusammenhang war er, Käthes Geliebter, hingerichtet worden. Käthe und Ferdinand trauerten gemeinsam um ihn, wie sie um ihren Sohn trauerten, der fast gleichzeitig an der russischen Front gefallen war. Und wie Schauspieler das tun, hielten sie sich aufrecht, wußten, daß sie ihre Rollen zu Ende zu spielen hatten, bis der Vorhang fällt und die Vorstellung zu Ende ist.
Seit dieser Zeit ihrer Beziehung zur Roten Kapelle interessierte sich Ferdinand für Konspiration, Spionage und Geheimdienst, und er entwarf gerade das Projekt, eine Biographie des Admirals Canaris zu schreiben, als ausgerechnet an einem der Wochenenden, die ich bei ihnen verbrachte, die ganze Geschichte von Kim Philby ans Tageslicht kam. Vor Ferdinands Fernseher fiel es mir wie Schuppen von den Augen, als ich den Namen, den ich so oft gelesen hatte, immer wieder hörte, in all den Sendungen, die von morgens bis abends liefen und immer nur dasselbe berichteten, etwas, das Ferdinand in wahnsinnige Erregung versetzte. Stell dir das vor, Doppelagent! Superagent! größter Spion aller Zeiten! Dreißig Jahre hat er die ganze Welt an der Nase herumgeführt! belogen! betrogen! – ein englischer Gentleman, Upperclass-Sohn für den KGB! Und Ferdinand wußte nicht, ob er Kim Philby mehr bewundern oder mehr verachten sollte, bewundern für das gelungene Falschspiel, den perfekten Wechsel der Maske ohne Kratzer, für die übermenschliche Verleugnung, und verachten für den Verrat, die heimliche Machtausübung, hinter der nur Phantasien von Größenwahn stecken könnten, wie er mir erklärte, zitternd vor Aufregung, Ferdinand, der Vater der dritten Frau meines Vaters, der selbst auch schon ein ganz kleines bißchen in seinem Leben konspiriert hatte. Im Gegensatz zu mir. Ich hatte noch nie in meinem Leben konspiriert und noch nie richtig Verrat begangen. Mir waren von meiner Mutter zwei Gebote vermittelt worden, die sich auf den ersten Blick widersprachen: Erstens, du sollst nicht lügen, zweitens, aber wenn du lügst, dann lüge so nah wie möglich an der Wahrheit. Das zweite war ja eigentlich nur die pragmatische Auslegung der hohen ethischen Norm des ersten Gebots und ziemlich vernünftig. Ich konnte Ferdinand nicht sagen, was ich zu sagen hatte, ich selbst konnte den Namen nicht aussprechen, den ich nun so oft hörte. Und was hätte ich auch sagen sollen, ich kannte ja weder die Wahrheit noch die Lüge.
Als ich dann nach Karlshorst zurückkehrte, standen die englischen Journalisten vor der Tür, und meine Mutter gab mir nicht viel mehr Auskünfte als ihnen. Wir waren ungefähr auf demselben Wissensstand, die englischen Journalisten und ich, meine Quellen und ihre waren die Nachrichten, die nun aus Moskau nach Großbritannien und von da in die restliche Welt gedrungen waren, sie hatten die Enthüllungen von Reuters, und ich hatte sie von Ferdinand.
Ich weiß nicht mehr, wann meine Mutter begann, mir ein paar wenige Details über ihre Ehe mit Kim Philby preiszugeben, vieles wurde mir von fremden Leuten zugetragen, die sich wie Ferdinand für Spionagegeschichten passionierten, und meiner Mutter wurden Artikel, Zeitschriften, Bücher zugeschickt, die dann bis an ihr Lebensende und darüber hinaus nicht mehr zu erscheinen aufhörten und die jene Passagen enthielten, von denen mein Vater meinte, sie solle dagegen klagen und damit wenigstens »Geld machen«. Statt dessen stellte sie die Bücher ungelesen ins Regal, nachdem sie ein wenig darin geblättert hatte, falls sie sie nicht gleich wegwarf.
Wenn meine Mutter mich später über »dieses Kapitel aus meinem Leben«, wie sie es nannte, ein wenig aufklärte, dann war es nicht, um dieses Kapitel in irgendeiner Weise mit mir zu teilen, an dem es ja auch nichts mehr zu teilen gab, da die Zeit der Geheimhaltung nun vorbei war, sondern weil sie meinte, daß ihre Tochter wenigstens up to date sein sollte, wenn schon fremde Menschen vor der Tür standen, um Fragen zu stellen. Damit ich so nah wie möglich an der Wahrheit lügen könnte: ich weiß davon nichts.
»Deine Mutter ist ein Mensch, den man wirklich nur schwer verstehen kann«, sagte mein Vater manchmal zu mir. »Entweder ist sie viel naiver oder viel gerissener als die meisten Menschen. Entweder sie redet zuviel oder sie verschweigt alles, sie schäumt vor Temperament über oder sie fällt apathisch in sich zusammen, entweder bleibt sie die ganze Nacht wach, oder sie geht um neun Uhr zu Bett, sie begnügt sich mit dem Allernötigsten und schmeißt gleichzeitig das Geld zum Fenster raus, sie verschenkt und beschenkt ohne Maß, aber etwas von sich selbst preisgeben, das konnte sie nie.« Und ihre Schmerzlosigkeit. Wenn ich über Kopfschmerzen klagte, sagte sie, Kopfschmerzen kenne ich nicht, wenn ich über Bauchweh klagte, Bauchweh habe ich in meinem Leben noch nie gehabt. Ich bin heute nicht in Stimmung – so einen Satz hätte sie nie gesagt, meine Mutter kannte keine Stimmungen, und sie ließ sich nie gehen, in Trauer nicht und in Schmerz nicht und auch nicht in schlechter Laune. Contenance bewahren war das Allerwichtigste in ihrem Leben, und die Contenance kam noch vor dem Marxismus-Leninismus und den Philosophen, die die Welt nur verschieden interpretiert haben, wo es aber darauf ankommt, sie zu verändern. Zumindest ebenso kam es darauf an, Haltung zu bewahren, und deshalb konnte man zu jeder Tageszeit bei ihr vorbeikommen, nie hätte man sie schlampert oder nachlässig herumlaufen sehen, bis mittags im Morgenmantel oder im Schlafanzug, so etwas gab es bei ihr nicht, es gab kein Sich-drinnen-gehen-Lassen und Sich-für-draußen-Zurechtmachen, nie kam sie unfrisiert zum Frühstück, sondern trug jeden Tag Lippenstift und lackierte Fingernägel.
So war es auch jetzt, als Onkel Wito sie verlassen hatte, die englischen Journalisten vor der Tür standen und das Kapitel ihrer Vergangenheit plötzlich wieder zur Gegenwart geworden war. Kopfschmerzen hatte sie nicht, Bauchweh hatte sie nicht, und wenn sie »dieses Kapitel aus meinem Leben« sagte, konnte ich nicht erkennen, ob darin Scham oder Stolz zu hören war.
Meine Mutter ist tot. Mein Vater ist tot. Onkel Wito ist tot. Genau wie Ferdinand und Käthe und Lomi und Brauni und die anderen Witwen aus Karlshorst. Philby ist tot, und am längsten sind schon die Rosenbergs tot.
Jetzt, nach der Öffnung der KGB-Akten, hat sich die Aussage meiner Mutter, sie seien nicht unschuldig hingerichtet worden, bestätigt. Sie muß es also gewußt haben. Wer weiß, welchen Anteil sie daran hatte. Es ist geschrieben worden, Philby habe im Jahr 1938 aus dem Munde meiner Mutter zum ersten Mal das Wort Atomenergie gehört. Das ist wirklich verwunderlich, da meine Mutter kaum die einfachsten Gesetze der klassischen Mechanik kannte und nicht einmal Autofahren in ihrem Leben gelernt hat.
Das Imperium, für das die Rosenbergs, Philby und meine Mutter spionierten, ist zusammengebrochen und untergegangen, und von den Ideen und Theorien – für die sich meine Eltern und ihre Freunde, Philby und die Rosenbergs hingaben, denen ihre ganze Leidenschaft galt und für die sie jede andere Loyalität ablegten, alle Bindungen an ihre Herkunft lösten – ist auch nicht mehr viel übriggeblieben.
Unendlich viel ist seitdem über die Rosenbergs geschrieben worden und unendlich viel über Kim Philby, Dutzende von Büchern und Hunderte von Artikeln sind erschienen, Radiosendungen und Fernsehserien dazu gelaufen. Sechs Bücher stehen in meinem Regal, zwei habe ich gelesen, zwei habe ich durchgeblättert, die anderen beiden kurz angesehen und dann ins Regal gestellt, so ähnlich, wie es meine Mutter auch getan hat. Meine Neugier war schnell befriedigt, denn was ich an diesem Kapitel aus ihrem Leben nicht verstand, wurde in den Büchern auch nicht erklärt. Das zuletzt erschienene Buch ist das interessanteste. Ein russischer Journalist hat mit Philby wenige Monate vor seinem Tod ein langes Gespräch auf seiner Datscha geführt und seine Erinnerungen den Berichten und Dokumenten des KGB gegenübergestellt und auch den kurzen Lebensläufen seiner, und also auch meiner Mutter, Kontrolloffiziere aus der Zeit, als sie das Wort Atomenergie ausgesprochen haben soll. Diese Biografien enden alle gleich: erschossen, erschossen, erschossen. Als feindliche Spione natürlich.
Meine Mutter hat mir den Stolz und die Scham, die so schwer zu unterscheiden waren, wenn sie über dieses Kapitel aus ihrem Leben sprach, wie einen Adelstitel vererbt. Wie alle ererbten Titel weist er auf eine vergangene Glorie, ist anachronistisch und am Rande der Lächerlichkeit.
Die ungarische Seite meiner Mutter war vielleicht die, die ich am liebsten mochte und die ich ihr gleichzeitig neidlos überließ, im Gegensatz zu ihrer englischen Seite, an der ich gern mehr teilgehabt hätte. Wenn meine Mutter ungarisch sprach, eine Sprache, die mir zwar mit der Zeit vertraut klang, aber die ich doch nie mehr als bruchstückhaft zu sprechen und verstehen lernte, war sie mir auf eine angenehme Weise bekannt und zugleich fremd, und die Anspannung der dauernden Nähe, die Anstrengung, mit der wir nach Onkel Witos Auszug den Verlust und unseren Kummer voreinander verbargen, löste sich. In der ungarischen Sprache schien mir meine Mutter eine geheime Reserve, eine Sprache für sich zu besitzen, aus der sie Lebenslust und Lustigkeit schöpfen konnte, die ich sonst nur noch selten an ihr sah.
Meine Mutter war zwar in Wien geboren, aber in einem Dorf nahe der kroatischen Grenze in Südwestungarn bei den Eltern ihrer Mutter aufgewachsen, bis sie dann in Wien eingeschult wurde, und in allen Jahren danach verbrachte sie die Sommermonate weiter auf dem Gut der Großeltern in Kerkaszentmiklós, wo es Kühe, Pferde, Hühner, Gänse, einen Gemüsegarten, Weingärten, Kukuruzfelder, Marillen- und Pfirsichplantagen gab und auch Kutscher, Köchin und anderes Personal. Wo sie mit den Dorfkindern spielte und in der Kerka, so hieß der Fluß, der dem Ort seinen Namen gab, baden ging; einmal, erzählte sie, war dabei ein Junge vom Baum gefallen und gestorben. Von Herrschaftshaus und Gesindetrakt, von Stallungen und einem großen Getränkekeller erzählte sie, und der dunklen Erinnerung, wie sich die ganze Familie in den Kellern versteckte, weil erst die »Roten« und dann die »Weißen« mit ihren Pferden durchs Dorf gejagt waren. Manchmal erzählte sie, sie habe mit den Dorfkindern gespielt, und manchmal erzählte sie, sie habe nie mit den Dorfkindern gespielt, sondern nur mit ihren zahlreichen Cousins und Cousinen, die ebenfalls die Sommermonate bei den Großeltern verbrachten. Manchmal erzählte sie, die Großeltern seien die einzigen jüdischen Gutsbesitzer im Dorf gewesen, und manchmal erzählte sie, es habe im Dorf zwei jüdische Gutsbesitzerfamilien gegeben. Sie sagte immer »Gutsbesitzer«, wahrscheinlicher ist, daß sie Pächter oder Gutsverwalter waren, wie so viele andere ungarische Juden. Sie, die sich später so leidenschaftlich den Ideen von sozialer Gleichheit und gerechter Verteilung hingab, rühmte sich zwar nicht direkt dieser gutsbesitzerlichen Herkunft, aber sie verklärte sie doch und erinnerte sich ihrer wehmutsvoll, auch wenn die Details ungefähr so sicher verbürgt waren wie ihre Haarfarbe. Eines jedoch wurde sie, in immer denselben Worten, nie müde zu wiederholen, das war der Unterschied zwischen »uns und den Ungarn im Dorf«. Die Ungarn waren Analphabeten und Trinker, sie tranken sich bewußtlos, dann gingen sie nach Hause und verprügelten ihre Frauen und Kinder. Jeden Samstag taten sie das nach ihren Worten. Die Juden dagegen betranken sich nie und verprügelten schon gar nicht ihre Frauen und Kinder. »Denn Juden trinken nicht und Juden prügeln nicht.« Eigentlich lebten die Ungarn auf dem Dorf wie Tiere, sagte meine Mutter.
Obwohl wir viele Ferien in Ungarn verbrachten, sind wir von Budapest nie in dieses Dreieck von Ungarn, Österreich und Kroatien aufgebrochen, nur ein einziges Mal ist meine Mutter allein nach Kerkaszentmiklós zurückgekehrt, aber sie hat es nicht wiedererkannt. Das Dorf war eingemeindet, gehörte nun zu einem Ort anderen Namens, und das eigentliche Kerkaszentmiklós war buchstäblich unauffindbar geworden. Aber das hat sie ohne größeres Bedauern erzählt und daraus weiter kein Drama gemacht.
Dabei war ihre ungarische Seite vielleicht die, die ihr am selbstverständlichsten und in der sie am tiefsten verwurzelt war, ob nun Kerkaszentmiklós noch existierte oder nicht. In der ungarischen Sprache bewegte sie sich einfach wie ein Fisch im Wasser, während sie in Berlin wegen ihres Wiener Akzents sofort als Nicht-Berlinerin und in Wien wegen ihrer langen Abwesenheit als Nicht-Mehr-Wienerin und im Französischen und Englischen schon durch das rollende R ohnehin als Ausländerin erkannt wurde.
Die ungarische Familie meiner Mutter trug, nachdem sich die jüdischen Familien um sie herum weitgehend magyarisiert hatten, weiter den deutsch klingenden Namen Kohlmann, der sich jedoch von dem legendären Kalonymos ableitet, dem ersten Juden, der jenseits der Alpen siedelte, dabei die jüdische Gelehrsamkeit mit herübergebracht und die aschkenasische Welt sozusagen erfunden hat, in der die ungarischen Juden später, mit ihrem ausgeprägten Hang zu Extremen, einen besonderen Platz einnehmen sollten, jedenfalls ist das ihr Ruf, zwischen Frömmigkeit und Gesetzesstrenge auf der einen und völliger Assimilation, ja ungarischem Patriotismus auf der anderen Seite. Und dann gab es noch die Juden von Nagykanisza, sagte mir einmal ein ungarischer Rabbiner geheimnisvoll, ohne allerdings das Geheimnis ihrer Besonderheit zu erklären. Nagykanizsa war die nächstgelegene Stadt von Kerkaszentmiklós, das ja sonst niemand kennt, und gehörte wie dieses zu der burgenländischen Fünfergemeinde, in der den Juden durch Graf Batthyány seit dem 18. Jahrhundert der Aufenthalt gestattet war.
Wenn die Familie Kohlmann für den Sommer von Wien auf das ungarische Gut zog, kamen sie mit der Bahn in Nagykanizsa an, dort holte sie der Kutscher ab, und dann, erzählte meine Mutter, »fuhren wir noch ein paar Stunden, bis wir in die große Pappelallee einbogen, an deren Ende das Gutshaus stand, wo uns das Personal erwartete«. Die Cousins und Cousinen hatten in diesen Erzählungen ihre letzten Auftritte, aus späterer Zeit gab es keine Erwähnungen mehr.
Der Vorname ihres Vaters war Israel, obwohl in seiner Generation die meisten Juden in Österreich-Ungarn schon Sigismund, Leopold, Adolf oder, wenn sie bereits mit der Magyarisierungswelle mitschwammen, Tibor, Mathyas oder Gabor hießen. Daß auch sein Vater seinen Namen Sacharia nicht etwa in Sandor und nicht einmal in Zacharias geändert hatte, deutet auf diese legendäre Welt der ungarischen Frömmigkeit hin, von der sich meine Mutter später so radikal losgesagt hat, mit deren geistiger Welt sie brach, weil sie sie wahrscheinlich obskur, eng und kleinbürgerlich fand. Aber das sagte sie nicht, anders als mein Vater, der schon in die Assimilation hineingeboren war. Er bezeichnete sich voller Selbstbewußtsein als assimilierten Juden, damit eigentlich als Unjuden, weil sich sein Judentum auf sein, leider, sehr semitisches Aussehen und den Verfolgungswahn der Nazis beschränkte, also völlig außerhalb seines Willens oder eines Bekenntnisses lag. Das konnte meine Mutter so nicht von sich behaupten, und deshalb behauptete sie es auch gar nicht, sondern schwieg lieber über die jüdische Welt, aus der sie kam. Von der gutsbesitzerlichen Welt und Tradition jedoch sprach sie ohne jede Scheu und mit einer Selbstverständlichkeit, die zwar ein bißchen im Gegensatz zu ihren marxistisch-leninistischen Theorien stand, aber in ihrer freundlichen, leicht herablassenden Distanz zu Lomi und Brauni und anderen zeitweiligen Hausangestellten ihren natürlichen Ausdruck fand. Sie wünschte nämlich den »einfachen Menschen«, wie sie sie nannte, von ganzem Herzen alles Gute, wenn sie ihr bloß nicht auf den Leib rückten.
Für einen, der aus der DDR kam, verströmte Ungarn einen Hauch des Südens, einen Hauch von Habsburg und sogar einen Hauch von Westen, weil man sich dort im Kino alle die in der DDR nie aufgeführten Filme von Antonioni, Pasolini oder Visconti ansehen konnte. Außerdem war Budapest im Gegensatz zu Berlin eine elegant angelegte, großzügig entworfene Stadt, in der wir bei den Freunden meiner Mutter in den besseren Wohngegenden auf dem »Rosenhügel« oder am »Freiheitsberg« wohnten. Diese Freunde waren jetzt alle in höheren und hohen Positionen, Funktionäre des Staates, sie waren Juden und natürlich Kommunisten, ehemalige Flüchtlinge und Widerstandskämpfer, Partisanen, KZ-Überlebende und manchmal alles zusammen. Der antifaschistische Adel. Die meisten von ihnen kannte meine Mutter aus alten illegalen Zeiten. Gyury zum Beispiel, den hatte sie 1933 in Wien in ihrer Wohnung versteckt, als er vor dem Horthy-Regime in Ungarn flüchten mußte. Gyury sah nicht mehr semitisch aus, wie mein Vater, sondern gleich wie ein Inder, ganz klein und dünn und von fast schwarzer Hautfarbe. Von Wien war er später über Paris nach Amerika weitergeflüchtet und hatte sich von dort nach dem Krieg seine Frau mitgebracht, die Micky genannt wurde, ihren echten Namen habe ich nie erfahren. Sie war eine ehemalige Berlinerin, fast doppelt so groß wie er, und die beiden, die Riesenberlinerin und ihr kleiner Inder, waren wirklich ein drolliges Paar. Um zu ihrem Haus auf dem »Freiheitsberg« zu gelangen, mußte man die Zahnradbahn nehmen, einen Bus dort hinauf gab es wohl nicht, und dann saßen wir auf dem Balkon mit der weiten Sicht über Budapest und aßen ungarische Früchte, Pfirsiche und Marillen und Küchlein von Gerbeaud, tranken den tiefschwarzen Espresso, von dem sie immer stolz behaupteten, er sei noch viel schwärzer und bitterer als der italienische, und Gyury dozierte dazu über die vorübergehenden Probleme der sozialistischen Planwirtschaft. Er war nämlich irgendwo im Wirtschaftsministerium angestellt und hielt nebenbei an der Universität Vorlesungen über »Die polit-ökonomischen Hauptprobleme des Monopolkapitalismus«, die zu studieren er während seiner Emigration in den USA ja ausreichend Gelegenheit gehabt hatte. Gleichzeitig schwärmte er jedoch von Amerika, ach, wie Micky und Gyury Amerika und besonders New York manchmal vermißten! Meine schüchternen Fragen, die diesen Widerspruch aufnahmen, schmetterte Gyury ab, während meine Mutter mich wegen meiner Fragen und seiner Phrasen ein bißchen verzweifelt anblickte, weil sie politischen Streit unter alten Gefährten zu vermeiden suchte. Denn inzwischen waren einige so wie sie, aber nicht Gyury, zum »Eurokommunismus« umgeschwenkt, von dem sie sich, da er aus Italien kam, mehr Offenheit und weniger Spießigkeit versprachen, wenn sich doch auch Künstler wie Antonioni und Pasolini dieser Bewegung nahe fühlen konnten.
Ein anderer Freund war ein anderer Gyury, dessen antifaschistischer Adelstitel sich aus dem Durchleiden mehrerer KZs herleitete, am Schluß war es Buchenwald gewesen, wo er nach der Befreiung noch ein paar Wochen drangehängt und sich als Arzt um die Schwerkranken und Halbtoten gekümmert hatte. Er war Kommunist, blieb Kommunist, war jetzt leitender Arzt im Regierungskrankenhaus, doch auf die Kommunisten in Buchenwald und deren Mythos von der Selbstbefreiung war er nicht gut zu sprechen. Er besuchte uns nämlich jedesmal in Berlin, wenn er von den regelmäßigen Buchenwald-Treffen zurückkam, und ließ dann an unserem Abendbrottisch seinen Ärger über diese Legende aus, wobei er nie vergaß, verbittert darauf hinzuweisen, daß die vielbesungene Solidarität damals im Lager immer nur den Gesinnungsgenossen gegolten hatte. Obwohl er selber dazu gehörte, regte er sich noch nach Jahrzehnten darüber auf. Seine Frau, die er nach dem Krieg geheiratet hatte, war keine Jüdin, dieser Mangel wurde dadurch ausgeglichen, daß sie Partisanin, noch dazu, wie es hieß, die jüngste aller Partisanen und von außerordentlicher Tapferkeit gewesen war. Die Geschichten und Erlebnisse, die sie von der Partisanenzeit erzählte, ähnelten tatsächlich denen, die in den sowjetischen Kinderbüchern standen, die ich mir manchmal aus der Karlshorster Bücherei ausgeliehen hatte. Jetzt saß die Partisanin im Wintergarten ihrer Villa auf dem »Rosenhügel« von Buda und lackierte sich Fuß- und Fingernägel, während sie von den Abenteuern und Gefahren ihres Partisanenlebens erzählte. Und danach gingen wir ins Gellertbad schwimmen.
Alle die ehemaligen Partisanen, Flüchtlinge und KZ- Überlebenden, aus denen der Freundeskreis meiner Mutter ausschließlich bestand, stammten aus gutbürgerlichen Familien, einem Milieu, in dem sie sich auch jetzt wieder etablierten, obwohl sie sich vor vielen Jahren, in ihrer Jugend, oft in dramatischen Gesten davon losgesagt hatten. Sie schufen nun mit ihrer im sozialistischen Staat fest etablierten Stellung ein ganz neues Genre bürgerlicher Existenz, etabliert, protegiert, ja privilegiert und doch gebrochen durch die vielfältigen Entwurzelungen, Ausgrenzungen und Verfolgungen als Juden und Kommunisten und abgelöst von den alten Bindungen ihrer Familien, von deren bildungsbürgerlichem Hintergrund sie doch immer geprägt blieben. Sie hatten humanistische Gymnasien besucht und die Werke der Weltliteratur in ihren Originalsprachen gelesen. So konnte mein Vater, wenn er mir bei der Übersetzung der Anabasis für die nächste Schulstunde half, nur über meine stümperhaften Griechischkenntnisse spotten. Wir haben in der Odenwaldschule Sophokles gelesen, verstehst du, nicht übersetzt, gelesen!
Wenn die alten Freunde in Budapest oder in Berlin vorsichtig oder auch heftig über die Politik der Länder, in denen sie nun lebten, miteinander stritten, dann war es hauptsächlich, um ihrer Unzufriedenheit über die Stillosigkeit und Geschmacklosigkeit dieser Volksherrschaft, die sie selbst herbeigewünscht hatten und der gegenüber sie sich immer noch verpflichtet fühlten, Ausdruck zu geben. Diese Gesellschaften, die sich auch noch »Volksdemokratien« nannten und mit dieser Tautologie sogar meine stümperhafte Anabasis-Übersetzung unterboten, der Häßlichkeit, Plumpheit und Peinlichkeit zu bezichtigen, war eine sozusagen erlaubte Art, sie im Grunde der inneren Leere und der Lüge zu überführen. Die Ästhetik meiner Mutter bestand in der Erkenntnis, daß Schönheit nur aus dem Einssein mit sich selbst kommen kann und dann auch in ungefälliger Form erscheinen mag, aber nicht in peinlicher. Der Gegensatz zu Schönheit war nach ihrer Theorie nämlich nicht Häßlichkeit, sondern Kleinlichkeit und Peinlichkeit, also Lügenhaftigkeit.
Mein Vater trank Kaffee und meine Mutter trank Tee. Mein Vater hatte eigentlich, wie so viele deutsche Juden, eine deutsche Romantikerseele, deshalb nahm er ja Onkel Wito das Gedichteschreiben so übel. Mein Vater liebte es, zu langen einsamen Spaziergängen aufzubrechen, den Mond zwischen fliehenden Wolken zu betrachten und die Verschwisterung der Seele hauptsächlich mit erträumten Personen zu suchen, er war also ziemlich misanthropisch. Das waren alles Dinge, für die meine Mutter nicht das geringste Verständnis hatte, sie konnte weder der Natur noch deren Betrachtung und schon gar nicht der Einsamkeit irgend etwas abgewinnen, saß aber dafür gerne stunden- und tagelang mit Leuten herum, deshalb nannte sie mein Vater eine Wiener Kaffeehausjüdin, die den ganzen Tag am liebsten nur über Politik herumschwatzt und sich am Ende noch die Gründung ganz neuer Staaten einfallen läßt. Dabei war es gerade die Politik, die meine Eltern wohl am meisten verband, während der hohen Aufschwünge ihrer jungen Jahre zum Kommunismus und eigentlich auch während der vorsichtigen Abschwünge davon in den mittleren Jahren bis zum Alter hin.
Je besser ich deine Mutter kennengelernt habe, um so unverständlicher ist sie mir eigentlich geworden, sagte mein Vater oft, wenn er sich wieder einmal mit mir über sie aussprechen wollte. Als ob ich sie vielleicht besser verstanden hätte! Nach all den Jahren unseres Zusammenlebens habe ich sie weniger gekannt als vorher, klagte er, und dann erzählte er die eine oder andere Erinnerung aus der Zeit, als er noch mit ihr verheiratet gewesen war, eine Zeit, an die ich mich kaum erinnern kann, weil ich damals noch ein kleines Kind gewesen bin. Er beklagte sich über ihre exzessive Geselligkeitssucht, immer mußten wir Gäste haben, immer Gäste, immer Partys, wenn ich morgens aufstand, stolperte ich in allen Zimmern über Gäste, die noch vom Vorabend oder noch von früheren Abenden da lagerten oder die überhaupt nie nach Hause gegangen waren.
So schlimm ist es später nicht mehr gewesen, aber auch in der Zeit mit Onkel Wito und danach in den Jahren, in denen wir beide noch in Karlshorst zusammenlebten und auch später noch, nachdem ich ausgezogen war und sie allein lebte, blieb meine Mutter immer von vielen Freunden umgeben, sie ging zu ihnen, sie empfing sie, doch manchmal suchte sie nun auch Ruhe, die sie meinem Vater zufolge früher nie gesucht hatte, sondern geradezu geflohen war. Wenn er vielleicht auch in allem, was er über meine Mutter sagte, übertrieb, mußte ich ihm Recht geben, was ihre Rätselhaftigkeit betraf, die mein Vater manchmal der Einfachheit halber mit ihrer Herkunft vom »Balkan« erklärte. Unter »Balkan« faßte er alles zusammen, was südöstlich von Frankfurt am Main lag und in seiner Vorstellung chaotisch, unvorhersehbar und wechselvoll war.
Oh, wie unvorhersehbar, chaotisch und wechselvoll sie war! Ihre Schrift! Eine Entfesselung wilder, großer und unlesbarer Zeichen, von keiner Konvention in die Schranken gewiesen. So ähnlich freiheitssüchtig müssen die Kanufahrten ihrer Jugend in den Wildbächen der Alpen verlaufen sein, von denen sie manchmal erzählte, obwohl ich sie mir in einer so sportlichen und romantischen Betätigung eigentlich nur schwer vorstellen konnte, da sie in unserem Zusammenleben so unsportlich und sogar unkörperlich wirkte, sich nur selten zu mehr als einem kleinen Spaziergang aufmachte und im Gegensatz zu meinem Vater statt den Mond lieber die Abendnachrichten im Fernsehen betrachtete.
Chaotisch, unvorhersehbar, also genialisch war meine Mutter auch bei den Kleiderkreationen, die sie für mich schneiderte. Sie fand einen Stoff, schnitt ihn ungefähr zu, warf ihn mir über und steckte, schnitt, heftete, nähte, säumte das Kleid dann an meinem Körper so lange, bis es fertig war. Genau wie die Pariser Couturiers das machen, behauptete sie, die von der Haute Couture, versteht sich, und so sahen die Kleider dann auch aus, einzigartig und unvergleichlich, ungewöhnlich und keiner Mode folgend, sondern sie kreierend, genialisch eben, ein bißchen schief und krumm und auch nicht sehr solide, aber eins mit sich. Mein Vater nannte diese Kreationen »Litzy handgenäht«. Es waren die besten Stunden, die wir miteinander verbrachten, wenn sie mir ihre Kreationen verpaßte. Da hörte sie sogar auf, von Politik zu sprechen, und war ganz und gar ihren ästhetischen Aufbrüchen hingegeben oder den Erinnerungen, wann sie einmal etwas Ähnliches wie das, was ihr im Moment gerade vorschwebte, gesehen hatte. Dann war sie euphorisch und im Schöpfungsrausch, während mir die Beine langsam vom ewigen Stehen und Drehen wehtaten, doch ein Minimum an Opferbereitschaft glaubte sie mir schon abverlangen zu können. Sie kannte dann wirklich kein Halten mehr, und alles hatte sich ihrer Schöpfungswut unterzuordnen, so lange, bis sie sah, daß es gut war, und sie mich, in ihre Kreation gehüllt, wieder in die Welt laufen ließ. Die Inspiration für ihre Werke holte sie sich zum großen Teil aus der Vogue, die sie sich jeden Monat von ihren Freunden aus England schicken ließ, und aus House and Garden aus demselben Verlag, zwei Magazinen, die so extravagant waren, daß sie der DDR-Zoll anscheinend als harmlos einstufte und durchgehen ließ. Jedenfalls landeten sie pünktlich jeden Monat in Karlshorst, wo sie, weil viel zu breit und zu dick, gar nicht in den Briefkasten paßten und daher von Lomi oder Brauni in Empfang genommen und dann bei meiner Mutter befremdet, aber ehrfurchtsvoll abgeliefert wurden.
Meine Mutter wäre wohl gerne Couturière oder Dekorateurin oder aber, in engem Zusammenhang damit, Innenarchitektin geworden, denn das Entwerfen, Dekorieren, Ausmessen, Zeichnen, Umstellen, Möblieren und folgerichtig auch das Umziehen waren ihre eigentliche Leidenschaft; neu beginnen und neu gestalten, aus dem Nichts Form entstehen lassen, alles hinter sich lassen, alles wieder neu beginnen. Denn Gestalt wächst aus der Leere, sagte sie, und deshalb sei die Leere das Wichtigste und Schönste an einem Raum. Ein schönes Parkett, ein edler Teppich, helle Gardinen, ansonsten nur das nötigste an Möbeln, chintzbezogene Fauteuils, das richtige Licht, eine Bücherwand und ein, zwei Bilder, natürlich nur Originale, da Reproduktionen für sie nur eine Verflachung von Kunstwerken darstellten.
Der häßlichste Gegenstand auf der Welt war für meine Mutter ein Kasten, wie sie als Österreicherin für Schrank sagte, etwas also, das klobig herumsteht und in dem Sachen gehäuft, gestapelt und aufbewahrt werden. Nur nicht aufhäufen, nur nicht sammeln und bewahren! Als müsse sie ein Schiff bei stürmischer See von Ballast befreien, warf meine Mutter ihr Leben lang alles weg, was nicht zu unmittelbarem Gebrauch bestimmt und von praktischem Nutzen war, alles, was ihrer Meinung nach das Schiff nur unnötig beschwerte. Auch die Vogue und die House and Garden wurden, nach gründlicher Auswertung, nicht etwa aufgehoben und gesammelt, sondern weggeworfen, genau wie alle die vielen Briefe, die sie erhielt und immer pünktlich beantwortete. Nur den Verlust von zwei wertvollen Dingen aus ihrem Besitz, die ohne ihr Zutun zerstört und abhanden gekommen waren, betrauerte sie. Das eine war eine sehr alte arabische Brücke, die unser Wohnzimmer zierte, ein Gebetsteppich aus dem Besitz des alten St. John Philby, in klaren Farben und großflächigem Ornament; Brauni hatte ihn eines Tages einfach entzweigeschnitten, die beiden Teile mit grobem braunem Teppichband eingefaßt und getrennt wieder ausgelegt, da nach ihrer Meinung zwei Brücken das Zimmer besser ausfüllten, und meine Mutter war fast ohnmächtig geworden, als sie die Fetzen sah. Das andere waren zwei Modigliani-Zeichnungen, die sie in den dreißiger Jahren, damals noch für wenig Geld, wie sie sagte, in Paris gekauft hatte und die ihr viel bedeuteten; sie waren während der Bombenangriffe und vielen Umzüge in London verlorengegangen, obwohl sie noch lange hoffte, sie eines Tages irgendwo wiederzufinden, was natürlich völlig illusorisch war.
Jetzt, in unserer Karlshorster Wohnung, hingen Zeichnungen und Aquarelle von Roger Loewig an der Wand, die meine Mutter dem Künstler abgekauft hatte, nachdem er nach einem Jahr Haft wegen »staatsfeindlicher Hetze« wieder aus dem Gefängnis entlassen worden war. Ich weiß nicht einmal, woher meine Mutter seine Bilder gekannt haben konnte, sie war jedoch von ihrer Qualität überzeugt und unterstützte den Künstler, in dem sie auch weiter Arbeiten von ihm kaufte und ihn weiterempfahl, und manchmal schickte sie mich mit einer Tasche voller Lebensmittel und einem Kuvert mit Bargeld zu ihm nach Köpenick, wo er in einer winzigen Wohnung seine Bilder malte. Schon zu dieser Zeit begannen also ihre ästhetischen Prinzipien die politischen zu überwiegen.
Meine Mutter hatte mehrere Namen, nicht nur, weil sie mehrmals verheiratet war, sondern weil sie sich auch in verschiedenen Lebenszeiten mit verschiedenen Vornamen nennen ließ. Ihre Eltern hatten ihr den Namen Alice gegeben, mit welchen ungarischen oder deutschen Spitz- oder Kosenamen sie sie riefen, hat sie mir nicht gesagt; in den Briefen ihrer Mutter, die ich in ihrer Hinterlassenschaft fand, steht die Anrede Draga Gyerekem, also liebes Kind, sie sprachen ja nur ungarisch miteinander. Sie selbst nannte sich dann Litzy oder ließ sich so nennen, oder irgend jemand hat ihr den Namen so verpaßt, er existierte in allen nur möglichen Schreibweisen, Litzy, Lizy und Lizzy. Nach dem Krieg aber, in Deutschland, wurde sie plötzlich Lisa genannt oder ließ sich so nennen oder sich den Namen von irgend jemandem verpassen. So gab es dann deutlich unterschiedene Gruppen von Freunden und Bekannten, je nachdem, mit welchem Namen sie sie nannten, die, die sie schon von vor dem Krieg kannten, die mit ihr in der Emigration gewesen, meistens Juden waren und sie Litzy riefen, und die, die sie erst in ihrer neuen Heimat, in Deutschland, kennenlernte und die sie Lisa nannten. Onkel Wito nannte sie Lisa, manchmal Lisaweta und manchmal Jelisaweta, und dabei faßte er sie unters Kinn und lachte wie ein Pionierleiter, der seine kleine Pionierin gerade bei einer Dummheit oder einer bürgerlichen Eitelkeit erwischt hat. Einzig mein Vater nannte sie mit beiden Namen.
Dieses Doppelte und Ungefähre, die Lüge nahe der Wahrheit, kehrt auch in anderen Lebensdetails wieder, denn neben den verschiedenen Namen gibt es noch schwankende Daten, sogar unter den feststehendsten, ihrem Geburtstag und ihrem Sterbedatum. Nach der Geburtsurkunde ist sie am 2. Mai geboren, alle Welt aber machte sie glauben, ihr Geburtstag sei der 1. Mai. Und da der 1. Mai sowieso ein Feiertag war, lud meine Mutter ihre Freunde nach der 1. Mai-Demonstration zur Geburtstagsfeier zu uns nach Hause ein. In dem fast möbellosen Wohnzimmer war ein Büffet vorbereitet, da herum standen die Freunde am Nachmittag und sprachen über die 1. Mai-Demonstration, so als hätten sie in dem Zusammenlaufen, Marschieren und Fahnentragen tatsächlich ein Gefühl von Freude und Feiertag gefunden, das sie jetzt auf dem Geburtstagsfest meiner Mutter noch verlängerten. Es war der Kreis ihrer Freundinnen, die sie alle Lisa nannten, weil sie sich erst nach dem Krieg in Berlin kennengelernt hatten, und die doch, wie zufällig, meistens jüdisch waren.
Hilde war irgendwo in Polen eigentlich als Brunhilde zur Welt gekommen, hatte den Namen aber auf ihrem Weg durch zahlreiche Exile verständlicherweise auf Hilde verkürzt. Trotz aller kommunistischen Überzeugung blieb sie eine heimliche Zionistin, sie konnte in der Gründung des Staates Israel nichts anderes als einen Triumph über die Mörder ihrer polnischen Familie sehen und liebte diesen Staat deshalb und zitterte während des Sechs-Tage-Krieges um ihn, auch wenn die Zeitungen, die sie las und an denen sie zum Teil selbst mitarbeitete, Israel immer nur als »imperialistischen Büttel der USA« anklagten und verurteilten. In ihrem Herzen jubelte und frohlockte sie über seinen grandiosen Sieg, und manchmal besuchte sie Sederabende der Jüdischen Gemeinde. Das waren kleine Akte des Widerstands oder Versuche, ein Winziges ihrer jüdischen Seele zu retten.
Jetty war Holländerin und Krankenschwester im Spanischen Bürgerkrieg gewesen, meine Mutter bewunderte sie aber am meisten wegen ihrer strahlend blauen Augen. Berta war eine Schriftstellerin aus dem ehemaligen Bund Proletarischer Schriftsteller, eine echte Berlinerin, die nach ein paar Jahren Zuchthaus den Rest des Krieges versteckt in Berlin zugebracht hatte, während es ihrer Schwester gelungen war, nach Palästina zu flüchten. Zu ihr fuhr sie jetzt jedes Jahr nach Israel, genauso wie Toni, die Auschwitz überlebt hatte, jedes Jahr dorthin fuhr; von den Reisen nach Israel sprachen sie jedoch alle etwas leiser als von den Erlebnissen bei der 1. Mai-Demonstration.
Olga wiederum war mit ihrer Familie vor den Nazis in die Sowjetunion geflohen, wo die Genossen ihren Vater und ihren Bruder gleich nach der Ankunft in irgendeiner Kategorie als Volksfeinde oder feindliche Spione erschossen. Vielleicht mußte Olga gerade aus diesem Grund die Sowjetunion, die DDR und den Sozialismus genauso heftig verteidigen, wie sie sich nun am Büffet mit russischem Wodka oder ungarischem Öszibarack betrank. Mein Vater, dessen Geliebte sie war, unterstützte sie dabei ein bißchen, unter den mißbilligenden Blicken meiner Mutter, die ja meinte, Juden trinken nicht. Das war aber lange nach der Scheidung meiner Eltern, man konnte Olga also nicht nachsagen, sie habe ihre beste Freundin, meine Mutter, mit deren Mann betrogen.
So wie ihren Geburtstag hat meine Mutter alle Daten ihres Lebens im Ungefähren gelassen. Kein Datum, das sich in den verschiedenen Lebensläufen oder irgendwelchen Anträgen, die sie zu formulieren hatte, gliche, jedes Eheschließungs- oder Scheidungsdatum ist falsch angegeben, und es gibt keinen Namen, den sie nicht verdreht, keinen Ort, den sie nicht umbenannt hätte. Geradezu zwanghaft wurden alle nachweisbaren Namen und Daten verschleiert. Wenn sie einmal im Jahr zu einer Elternversammlung aufbrach, konnte sie sich auch nicht merken, in welche Klasse ich gerade ging, solche Angelegenheiten überließ sie sowieso lieber meinem Vater. Öfter hatte sie von einem Studienjahr in Grenoble erzählt. Als ich Jahre nach ihrem Tod einmal zufällig in diese Stadt kam, habe ich in der Universität die Immatrikulationsbücher ihres Studienjahrgangs eingesehen und sofort ihre Eintragung und Unterschrift, wie eine Verrückte!, erkannt, neben die Unterschrift aber hatte sie ein völlig aus der Luft gegriffenes Geburtsdatum gesetzt. Es verwunderte mich nicht.
Ihre zweite Ehe, die mit Philby, hat sie offensichtlich bei der Heirat mit meinem Vater in Berlin völlig unterschlagen und nur die Scheidungsurkunde ihrer ersten Ehe vorgelegt. Dem »Ehefähigkeitsnachweis« war damit Genüge getan, und es war doch gelogen. Und sogar ihr Sterbedatum konnte sie noch im Unklaren lassen, denn sie starb in der Nacht vom 18. auf den 19. Mai in einem Wiener Seniorenheim, allein in ihrem Zimmer, wohl im Schlaf; man sagt, daß Herzpatienten so im Schlaf sterben, und auch Kim Philby soll so gestorben sein. Doch niemand weiß nun, ob ihr Tod noch am 18. oder schon am 19. Mai eingetreten ist, sie überließ es mir, für die Sterbeurkunde eines der beiden Daten willkürlich auszuwählen. Nur nach der jüdischen Zählung ist ihr Sterbetag eindeutig, da der jüdische Kalender den Tag nicht in der Mitte der Nacht bricht.
Aus der Mappe des Wiener Rechtsanwaltes meiner Mutter:
Zentralkomitee der KPÖ
(darüber die österreichische Fahne mit Hammer und Sichel)
28.10.1980
Wir bestätigen hiermit, daß Frau Alice Honigmann, geboren am 2.5.1910, in den Jahren 1933–1934 illegal für die KPÖ tätig und deswegen in Haft war. Um einer neuerlichen Verhaftung zu entgehen, mußte sie sich 1934 ins Ausland begeben.
  
Kepes Imre
1024 Budapest
(undatiert)
Unterzeichneter erklärt hiermit, daß ich im Jahre 1932 einige Monate in Wien, Latschkagasse 9, bei Frau Litzy Friedmann illegal gewohnt habe. Ich war als politischer Flüchtling nach Wien gekommen, da ich in Ungarn zu 2 Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Die Adresse von Frau Friedmann, geborene Kohlmann, erhielt ich von der Organisation der Roten Hilfe, Wien, Lerchengasse 13.
  
Georg K.
Berlin-Grünau
9.2.1979
Ich kenne Frau Litzy H., damals Friedmann, seit 1931 aus unserer gemeinsamen Tätigkeit in der Arbeiterbewegung. Ich bestätige, daß sie in der Internationalen Arbeiterhilfe, in der Roten Hilfe und späterhin der KPÖ tätig war. Im Rahmen der IAH betreute sie insbesondere Flüchtlinge aus den Balkanländern, die sich in Österreich illegal aufhalten mußten.
In ihrer Wohnung fanden regelmäßig Besprechungen zur Organisierung illegaler politischer Tätigkeit statt.
  
Mit diesen eidesstattlichen Erklärungen, unterstützt von einem Wiener Rechtsanwalt, der die Angelegenheit diskret, das heißt, ohne daß irgendeine DDR-Behörde Verdacht schöpfen konnte, für sie betrieb, bemühte sich meine Mutter schon seit den 70er Jahren um die Erneuerung ihrer österreichischen Staatsbürgerschaft, die Anerkennung als politisch Verfolgte und damit um eine Rückkehr nach Österreich nach jahrzehntelanger Abwesenheit. Diese Rückkehr fand dann endgültig erst 1984, also genau 50 Jahre nach ihrer Ausreise aus Wien statt. Sie mietete eine Wohnung im 4. Bezirk, nahe dem Belvedere, und wohnte dort fast bis zu ihrem Lebensende. An der Wohnungstür, an ihrem Briefkasten und unten am Klingelbrett neben der Haustür las man auf ihrem Namensschild: Dr. John. Nicht, daß sie unter einem falschen Namen logierte, sie hat nur einfach das Namensschild des Vormieters nie ausgewechselt. Es war keine richtige Lüge, aber es war auch nicht die Wahrheit.
Alles, was ich in meiner Kindheit, als junges Mädchen und noch als junge Frau am Leibe trug, kam, wenn es nicht eine Kreation meiner Mutter war oder von Marks & Spencer in London stammte, aus Wien. Strumpfhosen und Unterwäsche von Palmers, Pullover von Bernhard Altmann, Konfektion von Schöps, Schuhe von Humanic. Vieles kam aber auch aus der Boutique in der Plößlgasse, die etwas Besonderes war, kein Laden, der seine Waren in einer Auslage zur Straße hin anbietet, sondern den man, wie vor dem 19. Jahrhundert, in einem Raum des zweiten Stockwerks besuchte, einer Mischung aus Depot und Salon; dort wählten und probierten die Privatkundinnen die sozusagen in Manufaktur hergestellten Kleider, Kostüme, Röcke und auch das Accessoire. Eine dieser Privatkundinnen war Lotti, die allerälteste Freundin meiner Mutter, ihre Zwillingsfreundin, ihr Schatten, mit der sie schon in Wien zur Schule gegangen war, deren Familie zu Beginn des Jahrhunderts jedoch nicht aus Ungarn, sondern aus Lemberg nach Wien eingewandert war. Lotti sagte der Einfachheit halber immer Lemberg, um den Leuten den unaussprechbaren polnischen Namen ihres echten Herkunftsdorfes zu ersparen. In der Zeit, als ich sie kannte, deutete allerdings nichts mehr auf eine polnische Schtetl-Herkunft hin, inzwischen war sie eine sehr elegante Dame, die die soliden, maßgeschneiderten Modelle aus der Plößlgasse den genialischen Kreationen meiner Mutter bei weitem vorzog. Lotti war nur eine, wenn auch die beste der vielen Freundinnen und Freunde, die meine Mutter alle schon seit unvorstellbar langer Zeit kannte, aus den revolutionären Zeiten der 30er, aus der Emigrationszeit der 40er Jahre, und mit denen sie auch über die Zeit nach dem Krieg und ihres Lebens in Berlin eng befreundet blieb; es waren die, die sie Litzy nannten. Manchmal trafen wir die Wiener und die Budapester Freunde alle gemeinsam, an einem Ort auf halbem Wege zwischen Budapest und Wien, am Donauknie etwa. Dahin brachten die Wiener Freunde dann all die Kleider, Pullover, Schuhe, Strumpfhosen und Büstenhalter und beschenkten mich mit diesen Sachen in einem solchem Übermaß, daß ich noch mehrere Berliner Freundinnen damit ausstatten konnte. In den Jahren, als Twin-Sets Mode waren, die die Freundinnen meiner Mutter und sie selbst besonders praktisch fanden, war der Kreis meiner Berliner Freundinnen leicht an diesen hellblauen, bordeauxroten oder anthrazitfarbenen Zweiteilern zu erkennen, die man in der DDR nur selten sehen konnte.
Zum Ende ihres Lebens ist meine Mutter also nach Wien und in den Wiener Freundeskreis aus den ganz alten Zeiten zurückgekehrt. Inzwischen war sehr viel geschehen, aber die Lebensart auch dieser ehemaligen Kommunisten ähnelte nun verblüffend der ihrer Eltern, von denen sie sich einstmals mit soviel Schwung losgesagt hatten. Die Revolution selbst aber war ja verbürgerlicht und verstaatlicht, und einige der früheren illegalen Untermieter aus Wien saßen nun in den ZKs oder Politbüros sozialistischer Länder. Eine der Freundinnen hatte zum Beispiel einem ihrer Untermieter, der damals Josip Broz hieß, noch lange, wohl von England aus, weiter Packerln mit haltbaren Lebensmitteln und warmer Unterwäsche geschickt, wohin eigentlich, das blieb unklar, vielleicht an die Adresse seiner Mutter, und im Jahre 1947 dann die Nachricht erhalten, die Packerln seien nun nicht mehr nötig, und vielen Dank für alles, Marschall Tito, Ministerpräsident.
Diese Anekdote gehörte natürlich zu den beliebtesten aus dem antifaschistischen Sagen- und Legendenschatz, dicht gefolgt von der, die von einem frisch aus Österreich angekommenen Emigranten berichtet, der seine erste Nacht im sicheren England im Hause freundlicher Menschen verbringt, die aber ausgegangen sind, und als um Mitternacht das Telefon klingelt, den Hörer abnimmt und hineinstottert: »Oh, I am sorry, I am only the ghost in this house.«
Wegen der vielen Geschenke, ja meiner fast vollständigen Ausstattung aus Wien, hatte ich während meiner ganzen Kindheit immer viele Dankesbriefe zu schreiben, wie schön, wie passend, wie praktisch diese Geschenke waren und wie sehr sie mir gefielen, und dazu schrieb ich noch ein bißchen von meinem Leben in der Schule oder von der Ballettstunde. Die Briefe legte ich meiner Mutter vor, die sie meistens durchgehen ließ, manchmal schlug sie eine kleine Veränderung vor oder forderte mich auf, doch etwas ausführlicher zu berichten, um den Freunden eine Freude zu machen. Dann steckte ich den Brief ins Kuvert und schrieb die Adresse drauf, und da passierte es einmal, daß meine Mutter beim Anblick des beschrifteten Kuverts die Nerven und jede Kontrolle verlor. Nie wieder in meinem Leben hat sie mir einen solchen Krach gemacht, wie an diesem Tag, als sie entdeckte, daß ich Österreich mit nur einem R geschrieben hatte. Die Schuldverstrickung der Rosenbergs, die Enttarnung Philbys und sogar Onkel Witos Auszug hat sie mit größerer Fassung ertragen als diesen Skandal. Bis heute weiß ich nicht, welche Art von Verrat ich mit diesem Rechtschreibfehler begangen habe, meine Mutter zerriß das Kuvert samt Brief in tausend Fetzen und beschimpfte mich, wie dumm und primitiv ich sei, und vor lauter Aufregung verfiel sie dabei in die ungarische Betonung auf der ersten Silbe, PRImitiv und VOLLkommen VERblödet, darüber mußte ich auch noch lachen, dann knallte sie die Tür zu und sprach drei Tage lang nicht mehr mit mir.
Das einzige, was ich von diesem Vorfall verstand, war, daß die österreichische Seite meiner Mutter sehr empfindlich war, viel schwieriger und widersprüchlicher als die ungarische, die klar und deutlich gefaßt war. Denn abgesehen von der Sprache und den Gebietsansprüchen an Rumänien teilte sie sonst nichts mit den Magyaren, sie existierten in ihrer Vorstellung nur als saufende, prügelnde Bauern und waren dazu Analphabeten, auf deren geistiges Niveau ich offenbar gerade abgestürzt war, als ich Österreich mit einem R schrieb. Zu Österreich dagegen schien ihr Gefühl der Zugehörigkeit genauso stark wie das der Entfernung zu ihm. Und dieses Österreich zwischen Alpen, Austrofaschismus und dem Roten Wien hatte ich nach ihren verschlüsselten Botschaften gleichzeitig zu lieben und zu hassen, ich hatte es heimatlich und abstoßend zu finden, hatte alles von Österreich zu wissen und zu kennen, sogar Skifahren zu lernen, ich sollte die Natur, die Berge, die Küche, die Kultur, die Literatur und sogar den Kitsch lieben, aber die Österreicher sollte ich verachten. Nicht, weil sie saufende Analphabeten wie die Ungarn, sondern weil sie gebildete Antisemiten waren. Als Ausdruck dieser widersprüchlichen Gefühle bedurfte es offensichtlich der beiden R in Österreich.
In den Herbst- und Osterferien fuhren wir jedes Jahr abwechselnd nach Budapest und nach Österreich, wenigstens so lange, bis ich volljährig war, aber auch noch nach dem Bau der Mauer verschaffte meine Mutter uns durch ihre Beziehungen zu ich-habe-nie-herausbekommen-welchen Stellen das nötige Visum. Eine gewisse Hilfestellung dabei gab vielleicht die persönliche Einladung des Vorsitzenden der KPÖ, den ich zwar nie zu Gesicht bekam und dessen Namen ich vergessen habe, der aber, glaube ich, gemeinsam mit deutschen Genossen in der sowjetischen Emigration gewesen war. Mit diesem Brief des KPÖ-Vorsitzenden ging sie irgendwohin, sprach mit irgendeinem Genossen, und dann bekamen wir das Visum und fuhren mit dem »Vindobona« nach Wien.
Wien war Westen, sah nach Westen aus und roch nach Westen, es war hell erleuchtet von Lichtern und Reklame und quoll über von all den schönen und praktischen Dingen, mit denen ich so reichlich beschenkt wurde und bei denen ich mich genausowenig fragte, ob sie mir eigentlich gefielen, wie ich es gewagt hätte, unfrisiert zum Frühstück mit meiner Mutter und ihren Freunden zu erscheinen. In Wien, wo man sie Litzy statt Lisa nannte, verwandelte sich meine Mutter ähnlich wie in Ungarn in eine unbeschwertere, aber mir auch fremdere Person, gerade weil sie sich mit so großer Selbstverständlichkeit, sozusagen wie ein Fisch im Wasser, in der Stadt bewegte, im Gegensatz zu Berlin, wo sie uns allen dauernd zu verstehen gab, daß sie sich wie ein Fisch auf dem Trocknen fühlte. Onkel Wito hat uns auf diese Reisen nicht begleitet, nie nach Wien, aber auch nicht nach Budapest. Ich weiß nicht, ob er sich selbst da herausgehalten hat oder ob es meine Mutter war, die ihn ausschloß; vielleicht war es einfach selbstverständlich, daß er, der sie Lisa nannte, unter denen, die sie Litzy riefen, keinen Platz hatte. Möglicherweise fand sie, daß eine Begegnung ihrer unterschiedlichen Lebenswelten nicht nötig und nicht angebracht sei. Ich glaube, keiner ihrer alten Freunde hat Onkel Wito, mit dem sie doch viele Jahre zusammenlebte, je zu Gesicht bekommen.
Von meinem Vater hingegen wurde oft gesprochen und viel nach ihm gefragt, denn er gehörte ja zur englischen Erinnerungslandschaft und hatte ihnen zudem eine weitere Anekdote geliefert, die sie gerne lachend erzählten, weil er in der ersten Londoner Zeit nach deutscher Art seinem Namen auf dem Klingelschild den Doktortitel vorangestellt und sich dann gewundert hatte, daß man ihn mitten in der Nacht zu Notfällen rief, weil bei den Engländern ein Doktor eben ein Arzt ist. Mein Vater selbst hatte während seiner verschiedenen späteren Ehen die Verbindung zu den alten Freunden gelockert und dann fast verloren, während meine Mutter sie mit der Zeit immer enger knüpfte. Sie gab mir oft zu verstehen, daß Freundschaft sowieso verläßlicher sei und weniger wehtue als Liebe, die ihr eigentlich nie, vor allem nicht auf Dauer, geglückt war. Dabei hatte sie in Wien noch immer Verehrer, von denen mir einmal einer in ihrem Beisein vorwurfsvoll sagte, wie gern er sie geheiratet hätte, so als hätte ich das verhindert, dabei fand ich, daß er eine sehr gute Partie gewesen wäre. Es war ein kommunistischer Industrieller, besser gesagt, Erbe der Kohlengruben seines Vaters, jedenfalls wurde das so erzählt, das Erbe, die Kohlengruben, hatte er an die kommunistische Partei verschenkt, war aber deren Direktor geblieben. Auch andere, meist jüdische Industriellensöhne, hätten so gehandelt, berichtete meine Mutter, auf diesem Wege sei die KPÖ zu großen Besitztümern an Grund und Boden und Immobilien gekommen und eine der reichsten Kommunistischen Parteien der Welt geworden. Sie erzählte das mit einem Ton der Befriedigung, der, wie mir schien, sowohl der Großzügigkeit der Schenkungen als auch dem Reichtum und Besitz an sich galt. Während ihr Verehrer mir in seinem Chefbüro erzählte, wie gerne er die Litzy geheiratet hätte, drückte und beklopfte er zugleich mich und meine Mutter, und meine Mutter kicherte, aber nicht verschämt und verlegen wie in Onkel Witos Armen, sondern belustigt und kokett, dann wurden wir wieder mit Geschenken überhäuft. All das schien sie zu genießen, das Drücken und Beklopfen und die Geschenke, und ich genoß es mit ihr, und so gefiel sie mir gut.
In die frühe Wiener Zeit fiel die kurze zionistische Phase meiner Mutter, die sie mit ihrem ersten Mann geteilt hat. Sie hatten sich sicher im Jugendverband von Blau-Weiß getroffen, mit dem die Chawerim zu Wanderungen und den Kanufahrten in den Wildbächen aufbrachen. Von ihnen hat sie mehr erzählt als von ihrem ersten Mann, der schon bald, ohne sie, nach Palästina aufbrach.
Von den zionistischen Ideen hat sie, glaube ich, die Mitzi abgebracht, die wir in Wien immer als erste besuchten, denn sie hatte sie mit den Kommunisten bekannt gemacht.
In Wien lag damals außer dem Zionismus auch die Revolution in der Luft. »Wir haben in dauernder Hochspannung, in Aufruhr und Auflehnung gelebt, und die politischen Leidenschaften sind übergekocht«, hat meine Mutter diese Zeit beschrieben. Mitzi wird ihr wohl klargemacht haben, daß Palästina weit, die Kämpfe der Wiener Arbeiter und der Sieg von Gerechtigkeit, Wahrheit und Brüderlichkeit aber nahe seien. Um diese Siege herbeizuführen, bedurfte es all der illegalen Treffen und Versammlungen in der Wohnung meiner Mutter, es sollen sogar ZK-Sitzungen der KP gewesen sein, die ihr mehrfach Haussuchungen und schließlich im Jahr 1933 einige Wochen Gefängnis eingebracht haben, allerdings nur Untersuchungshaft, aus der sie ohne Prozeß wieder entlassen wurde. Im Gefängnis habe es keinen Spiegel gegeben, erzählte sie, und der Anblick des eigenen Gesichts habe ihr so sehr gefehlt, daß sie ihr Gesicht dann, wie Narziß in der Quelle, in der Kaffeetasse gesucht und, wenn auch undeutlich, gefunden habe. Das habe sie beruhigt. »Dieses halblegale Leben ist damals unsere ganz normale Lebensart gewesen«, sagte sie, »wir saßen einfach öfter in politischen Versammlungen als in Konzerten und gingen häufiger auf die Straße als ins Museum.«
Mitzi war deutlich älter als meine Mutter, und meine Mutter nahm bei unseren Besuchen bei ihr ein respektvolles und sogar schülerhaftes Wesen an, das ich viel weniger mochte, als wenn sie sich von ihrem Verehrer drücken und beklopfen ließ. Und auch Mitzi mochte ich nicht so sehr, weil sie ältlich belehrend und eingefroren wirkte und mir gern ein »fortschrittliches« Buch aus dem Globusverlag in die Hand drückte, wenn sie sich mit meiner Mutter unterhielt. Während die beiden Frauen im Dämmerlicht am Fenster saßen, saß ich dann mit dem fortschrittlichen Buch unter der einzigen Stehlampe und wartete gelangweilt auf das Ende des Besuchs in der dunklen Wohnung, die mit schweren Möbeln vollgestellt war. Mitzi löschte in allen Räumen sofort die Lichter, wenn sie sie verließ, und schloß alle Türen hinter sich, vielleicht waren das Reflexe aus der Illegalität. Bei uns in Karlshorst dagegen brannten immer alle Lichter, und alle Türen standen offen, und vor den Fenstern gab es auch keine Stores, die bei meiner Mutter als »spießig« galten. Sie orientierte sich schon eine ganze Weile an dem neuen skandinavischen Design, das sie in House and Garden entdeckt hatte und dessen Verbreitung sie mit großer Anteilnahme verfolgte. Denn ihre Leidenschaft für stilvolles Design, für ästhetische Gestaltung und Ordnung war nun fast so groß wie die einstige revolutionäre Leidenschaft für den Umsturz einer Welt der Ungerechtigkeit und Schlechtigkeit, die Mitzi damals am Anfang der 30er Jahre in ihr entfacht hatte. Von ihren Eltern konnte sie diese Leidenschaften nicht geerbt haben, denn ihr Vater war ein braver Beamter in der Israelitischen Kultusgemeinde, der während dieser aufgeregten Zeiten seiner Pensionierung entgegensah und wenige Jahre später, nach dem »Anschluß«, der »verehrlichen Reichs-Vermögensverkehrsstelle« seine bescheidenen Pensionsbezüge auf Heller und Pfennig erklärte, wie man es von ihm verlangte, und nur den Antrag stellte, »daß hinsichtlich der Judenvermögensabgabe der Kapitalwert meines Pensionsbezugs außer Ansatz bleiben soll«.
»Mitzi war es, die Kim zu mir geschickt hat«, hat mir später meine Mutter einmal etwas zusammenhängender von jenen Anfängen erzählt. »Er war zwei Jahre jünger als ich, und ich war schon von meinem ersten Mann geschieden und Mitglied der Partei. Er kam aus Cambridge, hatte gerade sein Studium dort abgeschlossen, war ein sehr gut aussehender Mann, benahm sich gentlemanlike und war dazu Marxist, eine seltene Erscheinung. Er stotterte, manchmal mehr und manchmal weniger, und wie viele Menschen mit einem Handikap war er sehr charmant. Wir haben uns schnell ineinander verliebt.«
Das erzählte sie ziemlich genau ein Jahr vor ihrem Tod, sie war 80, ich war 40, es war der 3. Mai, und da sie es mit ihrem Geburtsdatum nicht so genau nahm, könnte ich sagen, es war ihr 80. Geburtstag. Ganz plötzlich hatte sie in Straßburg, wo ich jetzt wohnte, vor der Tür meines Ateliers gestanden, unangemeldet, etwas, das genau wie Zufrüh- oder Zuspätkommen eigentlich nicht ihre Art war. Ich war erschrocken, es mußte etwas Außergewöhnliches geschehen sein, aber sie schlug erst einmal vor, unten in dem Café des Hochhauses, in dessen 7. Etage mein Atelier lag, einen Tee oder Kaffee zu trinken. Und während sie ihren Tee und ich meinen Kaffee trank, sagte sie, sie wolle mir nun einmal einige Details »dieses Kapitels aus meinem Leben« erzählen, so, wie sie es erlebt habe, und ich solle mir ruhig Notizen machen, denn das sei ihre Version, die sie mich bitte festzuhalten, »aber dazu wollen wir doch lieber, wenn du deinen Kaffee ausgetrunken hast, wieder hoch in dein Atelier gehen, da haben wir mehr Ruhe«.
»Ich hatte eine Dreizimmerwohnung im 9. Bezirk«, erzählte sie dann, »und in einem der Zimmer logierte immer jemand, der illegal untergebracht werden mußte. Manchmal fanden bei mir auch die ZK-Sitzungen oder andere Versammlungen der KPÖ statt. Und eines Tages hat mir Mitzi also Kim geschickt. Er war natürlich nicht illegal, er kam ja aus Großbritannien und hatte eine Empfehlung an Eric Gedye, den Korrespondenten des Daily Telegraph, der aus Wien über die Kämpfe zwischen der Heimwehr und den Schutzbündlern berichtete, die sich in diesem Moment gerade ziemlich zuspitzten und dann im Bürgerkrieg vom 12. Februar entluden. Kim überbrachte Geld, das er und seine Freunde in Cambridge gesammelt hatten, um den Kampf der Arbeiter des Roten Wien zu unterstützen. Sie dachten, in Wien sei Revolution, und in Wien war Revolution. Wir, Kim und ich und die anderen, verteidigten sie, so gut wir konnten, und waren dann schnell mittendrin im Arbeiteraufstand, bis er zusammengeschossen wurde und die Schutzbündler flohen und sich verstecken mußten. Kim lief zu dem besagten Eric Gedye und plünderte seinen Kleiderschrank, packte einfach die zahlreichen Anzüge, die da auf den Bügeln hingen, ein, um sie verwundeten, untergetauchten Schutzbündlern zu bringen. Wir rannten in alle Himmelsrichtungen gleichzeitig, um noch zu verteidigen, zu retten, erste Hilfe zu leisten, Fluchtwege zu organisieren. Und waren schon besiegt.
Die Episode mit Gedyes Anzügen wird in allen Philby-Büchern nacherzählt, aber ich kann bezeugen, daß es sich ausnahmsweise tatsächlich so abgespielt hat. Nach dem Zusammenbruch des Aufstandes konnte Kim mit seinem britischen Paß einigen Untergetauchten zur Flucht verhelfen. Und auch für mich wurde es nun gefährlich, weil ich als Kommunistin schon bekannt und im Gefängnis gewesen war. Deshalb haben wir noch im Februar geheiratet, so bekam ich einen englischen Paß, und sind sofort danach aus Österreich ausgereist. Wenn ich damals gewußt hätte, für wie lange!
Und jetzt sage ich dir etwas Wichtiges: Es stimmt nicht, daß ich es war, die Kim zum sowjetischen Geheimdienst angeworben hat, und daß es überhaupt in Wien geschah, auch wenn das, was er in Wien erlebte, vielleicht für ihn eine politische Initiation dargestellt hat und sehr wichtig für alle seine weiteren Lebensentscheidungen gewesen sein mag. Angeworben im eigentlichen Sinne aber wurde er erst später in London. Das war von langer Hand vorbereitet, die Russen hatten sich nämlich schon lange vorher unter den in Cambridge marxistisch orientierten Söhnen der englischen Elite die herausgesucht, denen sie eine Geheimdienstkarriere zudachten. Und das war der Freundeskreis Donald Maclean, Guy Burgess und eben Kim. In England habe ich die drei dann oft alle zusammen gesehen, sie hatten immer viel miteinander zu besprechen und fuhren oft raus aufs Land, wo Kims Mutter mit den drei Töchtern lebte, der Vater hatte sich ja nach Arabien als Berater Ibn Sauds abgesetzt. Zuerst wohnten wir in seiner Wohnung in Hampstead, in der Acol Road, später in Maida Vale. Ich hatte immer den Eindruck, daß die Mutter Kim den drei Schwestern bei weitem vorzog, er war einfach ihr Liebling. Mich konnte sie überhaupt nicht ausstehen. Sie war entsetzt über unsere Heirat, in ihren Augen war es eine gräßliche Mesalliance. Ihr Lieblingssohn, ihr einziger Sohn, mit einer Kommunistin und Jüdin aus Wien – ein Albtraum!
Kim mußte ja dann irgendeine Art von Berufsleben beginnen und suchte um eine Stelle beim Außenministerium an, wie das für einen Cambrigde-Absolventen üblich und vor allem von den Genossen gewünscht war. Dafür brauchte er eine Empfehlung, doch sein ehemaliger Tutor verweigerte sie ihm, weil er sich über Kims kommunistische Ansichten im klaren war, und so hat sein erster Karriereanlauf zunächst nicht geklappt.
1935 hat er mir zum ersten Mal deutlich gesagt, daß er für den sowjetischen Geheimdienst arbeitet und von nun an seinen gesamten Lebensplan in dessen Hände legt. Die Genossen würden ihm sagen, um welche beruflichen Stellen er sich bemühen und welche Schritte er, auch in seinem privaten Leben, künftig zu tun habe, nur noch solche nämlich, die ›der Sache‹ den meisten Nutzen brächten. Genauso fädelten sie es auch mit Burgess und Maclean ein. Die drei haben sich auf einen Lebenspakt mit dem sowjetischen Geheimdienst eingelassen, als sie noch keine 25 Jahre alt waren.«
So erzählte es meine Mutter. Über ihre eigene Rolle und Funktion im sowjetischen Geheimdienst sagte sie weniger. Eigentlich sagte sie darüber gar nichts. Wie lange sie noch für den KGB, der damals noch GPU hieß, gearbeitet hat, wie diese Arbeit eigentlich aussah, darüber hat sie sich auch während unseres Gesprächs in meinem Atelier nur sehr vage ausgelassen, und erst viel später ist mir klar geworden, daß sie, als sie mir so groß ankündigte, »Details« erzählen zu wollen, im Grunde wenig preisgegeben hat. Wahrscheinlich war ihr die Fähigkeit eines geschulten Agenten, den anderen während eines Gesprächs in dem Glauben zu wiegen, daß er sich in einem Austausch von Gedanken befinde, und dabei selbst nichts zu sagen, was irgendeine Information enthält, zur zweiten Natur geworden.
Sie hat mir nicht erzählt und nicht erklärt, auf Grund welcher Abmachung der KGB sie nach ihrer Trennung von Philby, nach der Heirat mit meinem Vater, Zeit ihres Lebens in der DDR, während Philby noch zwanzig Jahre als sowjetischer Spion unentdeckt blieb, frei herumlaufen ließ. Sie muß doch ein dauerndes Risiko gewesen sein. Sie hätte nur nach West-Berlin zur britischen Botschaft hinüberzufahren brauchen und zu sagen, ich habe für Ihre Majestät eine Information zu überbringen, die sie rasend interessieren wird. Oder sie hätte einfach einen Brief an die Botschaft oder direkt an das Foreign Office schreiben können, einen anonymen oder unter ihrem Namen. Natürlich hat sie das nicht getan. Auch sie hielt ihren Lebenspakt bis zum Schluß, obwohl ihre jüdische Herkunft und ihre kommunistische Vergangenheit bald für Philbys vom KGB inszenierte Karriere im Establishment und dem britischen Geheimdienst eine Belastung wurde, die auch ein Aspekt der späteren Trennung war. Die geplante Strategie des Karriereaufbaus forderte nämlich zuerst einen politischen Umschwung in konservative Richtung, linke Verirrungen sozusagen als Studentenspäße hinter sich zu lassen. Die sowjetischen Genossen hielten es für nötig, in dieser konservativen Richtung so weit zu gehen, daß sie das junge Paar in prodeutsche Vereine schickten, damit es sich dann auf Banketten britisch-deutscher Freundschaftstreffen fotografieren ließ, mit Hakenkreuzen als Tischdekoration. Diese inszenierte politische Wendung des Paares muß für ihre linken und liberalen Freunde ein Schock gewesen sein, sie stieß bei ihnen natürlich auf Ablehnung und Unverständnis und führte zur Entfremdung und zum Bruch, genau wie es der KGB in seinem Plan vorgesehen hatte, aber schließlich auch zur Trennung von Litzy, die mit ihrer kommunistischen Vergangenheit auf Dauer einfach nicht in das Bild dieses Umschwungs paßte. »Die Engländer waren ja so naiv«, sagte meine Mutter, »so naiv! Die alten linken, liberalen Gefährten aus der Studienzeit haben sich von ihm entfernt, haben ihn wahrscheinlich verachtet, aber mißtraut haben sie ihm nie! Doch Kims engste Gefährten aus der Cambridge-Zeit hatten ja ihre eigenen Rollen in diesem Spiel, und so blieb der innerste Kern der Gruppe intakt und verschworen.«
Meine Mutter sagte nie Philby, wenn sie von ihm sprach, sie nannte ihn auf eine vertraute Weise Kim, aus der ich nach so vielen Jahren noch Zuneigung, aber auch Gekränktsein spürte. Er hat sich nach der Scheidung von ihr noch mehrmals verheiratet, und auch meine Mutter lebte ja schon bald nach den ersten Londoner Jahren in Paris mit einem Geliebten, heiratete danach meinen Vater und lebte später mit Onkel Wito zusammen. Von außen betrachtet wirkte ihr Leben zwischen all den Ehen, Geliebten und Verehrern ziemlich libertär, doch in Wirklichkeit waren ihr diese Lieben und anschließenden Trennungen, ausgenommen die von meinem Vater, nicht geglückt und hinterließen Schmerz und Resignation bei ihr, über die sie zwar wenig sprach, aber die sie auch nicht verbergen konnte. Die zärtliche Verachtung, mit der sie den Namen Kim aussprach, drückte diesen Zwiespalt nur allzu deutlich aus.
Philby hat jedenfalls in den fünfundzwanzig Jahren, die er noch in seiner eigentlichen Heimat, wie er sich ausdrückte, lebte, und damit meinte er die Sowjetunion, nie den Versuch unternommen, irgendeinen Kontakt mit ihr aufzunehmen. Ich glaube, das hat sie sehr gekränkt. Angeblich soll er mit dem Gedanken eines Anrufs gespielt haben, als er sich im Jahre 1984 in Ost-Berlin aufhielt, so berichtet es jedenfalls der russische Journalist in seinem Gesprächsbuch. Auf seine Frage, warum sich Philby nicht mehr bei Litzy gemeldet habe, soll er geantwortet haben, er habe sich gescheut, er habe nicht gewußt, daß sie geschieden war. Was er auch nicht wußte, war, daß Litzy im Jahr seines Besuchs in Ost-Berlin gerade nach Wien zurückgekehrt war, an den Ort, an dem ihrer beider Geschichte begonnen hatte. Philby lebte schon seit zwei Jahrzehnten in Moskau, als Litzy in den Westen ging; das hätte er als eine Art Desertion empfunden.
Irgendwie aber hatte er sie in all den Jahren doch aus der Ferne im Auge behalten, denn in demselben Gespräch spricht er mit dem russischen Journalisten ziemlich viel über sie und wußte zumindest, daß sie später einen deutschen Emigranten aus London, meinen Vater, geheiratet hatte und in die DDR, nach Berlin, gezogen war. Und er wußte auch, daß sie eine Tochter hatte, »die mehrmals in Moskau war, aber ich habe sie nie getroffen«.
In der DDR wurde der 8. Mai, der Tag der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands, »Tag der Befreiung« genannt und zum gesetzlichen Feiertag bestimmt, und wenn die Leute nicht zu offiziellen Befreiungsfeierlichkeiten verdonnert waren, fuhren sie an einen der zahlreichen Seen in der Berliner Umgebung zum Angeln, unternahmen zu Hause gründlichen Frühjahrsputz oder pflanzten und gruben im Schrebergarten. Den »Russen«, wie sie die Sowjetarmee, die sie befreit hatte, nannten, glaubten sie jedenfalls nichts an Dankbarkeit oder Anerkennung schuldig zu sein, im Gegenteil, nach dem, was Lomi und Brauni und die anderen Karlshorster Nachbarn zu erzählen wußten, waren sie es, die eigentlich Unglück über Deutschland gebracht hatten, auch wenn im Neuen Deutschland das Gegenteil zu lesen war, einer Zeitung, die im übrigen gerade mal als Einwickelpapier taugte.
Im Westen Deutschlands wurde der Tag einfach übergangen, genau wie von den Siegermächten Großbritannien und den USA, deren Nationalstolz einer Feier des 8. Mai offensichtlich nicht bedarf. In Moskau hingegen wird das Kriegsende einen Tag später, am 9. Mai, als »Tag des Sieges« begangen, mit großen Aufmärschen, Verleihung vaterländischer Orden und Medaillen, einer Militärparade und allem, was zu Siegesfeiern sonst dazugehört. Aber es gab auch Menschen, die sich, ohne jede offizielle Aufforderung, im Kreise von Freunden zusammenfanden, um dieses Tages wie eines wichtigen, glücklichen Ereignisses ihres Lebens zu gedenken.
Zu einer solchen Feier nahm mich eines Tages meine Tante Mischka mit. Sie war natürlich keine richtige Tante, sondern eine Freundin meiner Mutter und der kryptozionistischen Hilde, die sie noch aus Kominternzeiten kannte, ich besuchte sie seit einigen Jahren ziemlich regelmäßig in Moskau, wo ich zunächst vorhatte, für mein Theaterstudium über Wsewolod Meierhold zu forschen. Mischkas kommunistische Überzeugungen hatten sich nach zwanzig Jahren Gulag ziemlich abgekühlt, vom zweiten Weltkrieg hatte sie in Sibirien nur vom Hörensagen erfahren und von der europäischen Judenvernichtung auch erst mit großer Verspätung, als sie nach der Rückkehr aus dem Lager ihre Eltern und Verwandte aus Riga suchte, vergeblich, denn sie waren schon vor über zehn Jahren in Auschwitz umgekommen oder gleich in Rumbula, dem Rigaer Wäldchen, erschossen worden, während sie in Sibirien Moosbeeren unter einer meterdicken Schneedecke pflücken mußte. Die Gläser mit Moosbeeren sieht man heute noch in den Moskauer Geschäften, Mischka kaufte sie nie. Jetzt, in den 70er Jahren, spielte sie die Rolle der »Mutter der Dissidenten«. Ihre Wohnung war ein Treffpunkt, Zentrum von Lesungen und dem Austausch verbotener Gedanken, Bücher und Manuskripte, und jedes Jahr am 5. März fand bei ihr ein über alle Maßen fröhliches Fest zu Stalins Todestag statt, mit »Essenszuteilung« je nach Anzahl der abgesessenen Lagerjahre.
Der Sieg über Hitler jedoch wurde bei Schura Buturlin gefeiert, vielleicht weil es ein militärisch errungener Sieg und Schura ein hoher Offizier der Roten Armee war, jedenfalls bis vor kurzem. Er wohnte in einem 17stöckigen Hochhaus einer Neubausiedlung, zu der wir anderthalb Stunden von Mischkas Wohnung unterwegs waren. Schura war Frührentner, denn nachdem er sich wiederholt öffentlich gegen den Einmarsch der sowjetischen Truppen in die Tschechoslowakei ausgesprochen hatte, war er aus der Armee entlassen worden. Die Legitimation zu dieser Opposition nahm er aus seiner Überzeugung vom Unrecht dieser Militäraktion, und das Recht, diese Überzeugung auch laut zur öffentlichen Kenntnis zu bringen, aus dem Gedanken an eine lange Reihe von Vorfahren, die der russischen Herrschaft ununterbrochen ihre Loyalität bewiesen hatten. Er stammte nämlich aus dem Bojarengeschlecht der Buturlin, sein berühmtester Vorfahre war Alexander Borissowitsch, Gouverneur von Moskau und Feldmarschall Peters I., den man auf dem berühmten Gemälde von Ilja Repin neben ihm zu Pferde sieht. Von da an waren alle Buturlins Marschälle, Gouverneure und Generäle der russischen Zaren, bis zur Revolution, nach der sie natürlich, wenn sie nicht hingerichtet wurden, alle ins Exil gingen, außer Schuras Großvater, der auch der neuen russischen Macht seine Loyalität bewies und sich auf die Seite der Revolution stellte. Nun war Schura der erste, der diese Treue gebrochen hatte und deshalb vorzeitig aus der Armee entlassen worden war, aber, vielleicht mit Rücksicht auf seinen jedem Russen vertrauten Namen, nicht in Unehren, er wurde auch nicht degradiert, sondern durfte als »Rentner« weiter die Uniform der Sowjetarmee mit allen Orden und Rangabzeichen anlegen, falls ihm das Spaß machen sollte, was nicht der Fall war. Alle meine Bitten, die ordensgeschmückte Uniform doch wenigstens ein einziges Mal auf unseren zahlreichen gemeinsamen Spaziergängen durch Moskau anzulegen, wies er kategorisch zurück. Zum Spazierengehen hatten wir beide viel Zeit, mein Projekt der Meyerhold-Forschung hatte sich bald zerschlagen, denn trotz prominenter Beziehungen und einem Vorschlag zum Ringtausch zwischen Theaterkarten, Schlafwagenbillets nach Leningrad und westlicher Kosmetik, alles natürlich von Mischka initiiert und inszeniert, hatte ich keine Chance, Zutritt in das Archiv zu bekommen, wie ich sofort erkannte, als ich das Büro der Archivdirektorin betrat, die dort wie Katharina die Große posierte, mich nicht einmal zum Sitzen aufforderte, sondern in zwei Minuten abschmetterte, oh, nein, nein, nein. Keine Einsicht in Archivunterlagen. Nein, nein, nein, das Archiv ist geschlossen, gesperrt. Auf Wiedersehen.
Der zweite Frührentner in der Runde, auch so um die Vierzig, war Alexander Nekritsch, der gerade aus der Partei ausgeschlossen und in der Akademie der Wissenschaften kaltgestellt worden war, nachdem sein Buch »22. Juni 1941« zunächst erschienen, dann aber schnell aus allen Buchhandlungen und Bibliotheken zurückgezogen und eingestampft worden war. In diesem Buch untersucht er nämlich die Niederlage von 1941, die dem Sieg von 1945 vorausgegangen war, und benennt die übergroßen und überflüssigen Verluste, die durch die kriminelle Nachlässigkeit Stalins bei der Kriegsvorbereitung entstanden, weil dieser Krieg zunächst ohne jeden Sinn und Verstand von Dilettanten geführt wurde, die Soldaten zu Hundertausenden verheizten, so daß, wie Nekritsch zeigt, der Sieg im Großen Vaterländischen Krieg nicht etwa dank Stalin, sondern nur trotz seiner katastrophalen Kriegsführung errungen wurde und diesen millionenfachen Menschenopfern zu verdanken war. Im Gegensatz zu Schura Buturlin war Nekritsch auf Grund dieser Darlegungen aber nicht »in Ehren« entlassen worden, sondern mit Publikationsverbot bestraft, allen möglichen Schikanen ausgesetzt und natürlich von der Teilnahme an allen Kongressen und Tagungen im Inland oder im Ausland ausgeschlossen. Er bereitete also seine Auswanderung vor, weil er keine Möglichkeit irgendeiner sinnvollen Arbeit mehr sah und darüber hinaus auch nicht mehr an die Veränderbarkeit des Sowjetsystems glaubte, er sah es vielmehr durch ein inzwischen korrumpiertes, konformistisches, zynisches Volk gestützt, dem Bürger- oder Menschenrechte völlig gleichgültig waren. Aber auch die Welt der Dissidenten war ihm suspekt, denn auch sie war nicht frei von Führerpersönlichkeiten, die Glaubensbekenntnisse erwarteten und sich untereinander bekämpften. Noch in Moskau begann er seine Erinnerungen zu schreiben, bis er schließlich in die USA auswandern konnte, gewissermaßen im Austausch gegen seinen Freund, der dort in der Neubauwohnung neben ihm saß und der dritte Frührentner in der Runde war. Der war nämlich den umgekehrten Weg gegangen, er hatte sich vor vielen Jahren aus den USA in die Sowjetunion abgesetzt, kurz bevor seine Spionagetätigkeit für die Russen aufflog. Es war Donald Maclean, einer von den drei Cambridge-»Aposteln«, nach den Aussagen meiner Mutter der erste von ihnen, der sich vom sowjetischen Geheimdienst hatte rekrutieren lassen, um danach seine Freunde Burgess und Philby anzuwerben. Nun saß der KGB-Spion unter den Dissidenten bei Schura Buturlin in der Moskauer Plattenbauwohnung, um mit ihnen den Tag des Sieges über Hitler-Deutschland zu feiern. Er fiel mir durch eine Geste auf, die ich bis dahin nur von meinem Vater kannte; als Mischka und ich zur Tür hereinkamen, erhob er sich nämlich von seinem Stuhl, genau, wie mein Vater aufzustehen pflegte, wenn eine Frau den Raum betrat, ohne weiteres Aufheben, ein Benehmen der natürlichsten Höflichkeit. Noch bevor ich seinen Akzent hörte, war mir klar, daß er kein Russe sein konnte, und er sah auch nicht wie ein Jude aus. Die selbstverständliche, eigentlich unauffällige Wohlerzogenheit verriet auf den ersten Blick die englische Art, von der meine Mutter so viel sprach und die sie so sehr bewunderte. »Nicht dieses schmalzige Herumdienern der Österreicher und keine stramme Ehrerbietung wie bei den Preußen, sondern die einfachen Gesten der Rücksicht und des gegenseitigen Respekts«, die nach ihrer Meinung die Zivilisation ausmachten.
Schura holte gerade das Porzellan mit dem Familienwappen aus dem Einbauschrank seiner Neubauküche, das einzige, was ihm von seiner aristokratischen Familie geblieben war, während Mischka mich Donald Maclean vorstellte. »Weißt du, wer das ist?« fragte sie ihn, und als er antwortete, nein, das wisse er nicht, wir seien uns ja noch nie begegnet, klärte Mischka ihn auf, daß ich Litzys Tochter sei. »Mein Gott, Litzy habe ich 1938 das letzte Mal in Paris gesehen«, rief er fast ein wenig erschrocken aus, »was macht sie, wie geht es ihr?« Und dann forschte er mich ein bißchen nach meiner Mutter aus, fragte nach ihrem Leben, und bevor wir wieder an der allgemeinen Unterhaltung teilnahmen, sagte er mir, ohne, daß ich ihn danach gefragt hätte, »mit Kim habe ich fast keinen Kontakt mehr, er lebt völlig abgeschirmt vor den Toren Moskaus«. Ich erinnere mich allerdings nicht mehr, ob er »fast keinen«, »gar keinen« oder »so gut wie keinen« Kontakt gesagt hat. Er selbst lebe schon seit Jahren ein sozusagen normales Moskauer Leben, sagte er, in Dissidentenkreise eingetaucht; also schienen sie sich in politischer Hinsicht doch ziemlich weit voneinander entfernt zu haben. Maclean lebte schon seit 1951 in der Sowjetunion und hatte Zeit genug gehabt, die sowjetische Wirklichkeit kennenzulernen, die ihn von vielen Illusionen geheilt haben mußte. Schon vor seiner Enttarnung soll er versucht haben, die Brücken zum KGB abzubrechen, aber nachdem alles aufgeflogen und Klaus Fuchs in England verhaftet worden war, hatte er dann keine andere Wahl mehr, als sich für den Rest seines Lebens in das ihm unbekannte und bald wohl auch unsympathische Land zu exilieren. Das war die Konsequenz des Lebenspaktes, den er vor so vielen Jahren, als er ein glänzender Cambridge-Student war, abgeschlossen hatte.
Schura aus dem Adelsgeschlecht der Buturlin trug jetzt die Vorspeisen auf, während Sascha Nekritsch, das gefallene Akademiemitglied, schon den Sekt entkorkte, und dann stießen wir während des Essens, das sich natürlich über Stunden hinzog, viele Male auf die Niederlage Hitlers, die Kapitulation Deutschlands, den Sieg der Roten Armee und ihrer Alliierten, aber auch auf den Tod Stalins an und verwünschten, verfluchten und verdammten ebenso viele Male alle anderen Diktatoren und Diktaturen der Welt, die vergangenen, die gegenwärtigen und die, die leider noch kommen werden.
Wenn ich von diesen Moskau-Reisen nach Berlin zurückkehrte, trat ich meinen Eltern mit großer Aufgebrachtheit entgegen und wiederholte alles, was ich bei den Moskauer Dissidenten gehört hatte. Ich ersparte ihnen auch nicht den Bericht über meine Begegnung mit der jungen Frau, die, kaum älter als ich, gerade aus einer psychiatrischen Anstalt entlassen worden war, in die man sie wegen »Verbreitung illegaler Schriften« gesteckt und mit jeder nur denkbaren Art psychiatrischer Behandlung gefoltert hatte, und die, als ich sie in Mischkas Küche traf, ganz ruhig ihren Tee trank und weiter illegale Schriften verbreitete.
Ich wußte natürlich, daß meine Eltern solche Berichte nicht gerne hörten, deshalb erzählte ich sie ihnen ja, das mußte ich ihnen zumuten. Ich wagte jedoch nicht, ihnen Komplizenschaft mit diesem System vorzuwerfen, wenn ich probehalber solche Worte wie »Verbrechersystem« aussprach. Meine Mutter sagte dann »Na, na, na«, und mein Vater sagte auch »Na, na, na«, und »warum regst du dich denn so auf«. Es war aber gerade die Verharmlosung, die von diesem »Na, na, na« ausging, die mich so aufregte. Ich erwartete von ihnen, daß sie die Verbrechen zugaben, die da geschehen waren und immer noch geschahen, und einsahen, daß es mit »Na, na, na« nicht abgetan war. Doch das Äußerste, was sie mir zugestanden, war ein resigniertes Achselzucken, eine ironische Distanz. Vor so radikalen Sätzen, wie Sascha Nekritsch sie sagte, daß er nicht mehr an die Möglichkeit einer Reform des Marxismus-Leninismus glaube, weil diese Lehre nicht, wie sie behaupte, Staat und Gesellschaft verändern, sondern die Gesellschaft überhaupt abschaffen wolle, da sie auf einem Kult der Gewalttätigkeit beruhe, was die Millionen von Toten ja belegten, schüttelten sich meine Eltern. Nie hätten sie so weit zu denken gewagt. Sie empfanden wohl auch so etwas wie Unzufriedenheit und sogar Eifersucht auf meine Moskauer Freunde, die mich mit solchen Gedanken vertraut gemacht hatten, indem sie mir ihre ausschließlich negative Bilanz vorrechneten. Wenn ich von meinen Moskaureisen zurückkam, war es besser, wenn wir uns eine Weile nicht sahen, meine Eltern und ich.
Immer, wenn meine Mutter mit mir über »dieses Kapitel aus meinem Leben« sprach, tat sie es in einer Mischung aus andeutungsvollem Erzählen und vielem Verschweigen, mit der sie mich gleichzeitig zur Mitwisserin machte und aus der Geschichte ausschloß. Ich reimte mir die Welt der Vorspiegelungen, Täuschungen und des doppelten Spiels in diesem Kapitel aus ihrem Leben mehr zusammen, als daß ich wirklich etwas wußte oder verstand. Daß all die Lügen und der Verrat jedoch der großen, echten und einzigen Wahrheit zum Siege verhelfen sollten, von der Mitzi und ihre Genossen sie damals in Wien überzeugt hatten, daran ließ sie keinen Zweifel. Die gewisse Scham, die ich aus ihren Erzählungen herauszuhören glaubte, galt nicht in erster Linie den gescheiterten Hoffungen, über die sie sich trotz des »Na, na, na« keine Illusionen machte, auch wenn sie sich weigerte, das ganze Ausmaß des Scheiterns einzugestehen, sondern es war wohl die Schamhaftigkeit, die einen befällt, wenn man Geheimnisse offenbart, ohne daß sie eine wirkliche Erhellung bringen. Und ein Teil der Scham galt vielleicht den Machtphantasien und der Selbstüberhebung, die solchen Geheimdienstabenteuern zugrunde liegen. Der Stolz jedoch, den ich gleichzeitig herauszuhören meinte, galt dem Abenteuer und dem Spiel mit der Gefahr, das sie gewagt hatte, obwohl sie ja, jedenfalls in dem Leben, in dem ich sie kannte, von eher ängstlichem Charakter war. Wenn meine Mutter manchmal von Kassibern, Kontaktmännern, geheimen Treffen an immer wechselnden Orten, Codeworten und verschluckten Dokumenten erzählte, klang es wirklich nach einem Spionageroman, und es war ja auch ein Spionageroman oder doch ein Romanfragment, dieses »Kapitel aus meinem Leben«.
Mein Vater nannte sie immer verschwiegenheitssüchtig, dabei war sie eigentlich ein Plappermaul und hörte gar nicht mehr auf zu reden, wenn sie einmal angefangen hatte. So hingebungsvoll und gleichzeitig zurückhaltend – wie kann ein Mensch nur so widersprüchlich sein, erregte mein Vater sich, wenn er sich wieder einmal mit mir über sie aussprach. Sie war eine attraktive und temperamentvolle Frau und trotzdem manchmal ganz schüchtern. So schüchtern, wie ich sie in jener Szene in unserem Karlshorster Hausflur in Erinnerung habe, als sie sich verschämt aus Onkel Witos Armen wand. Und es schien mir oft, daß sie sich ihm gegenüber klein machte, um ihre große Liebe zu zeigen. Vielleicht glich diese Art der Unterwerfung in der Liebe ihrer Hingabe an den Kommunismus und ihrer Verlobung mit dem sowjetischen Geheimdienst, denn auch in dieser hingebungsvollen Bindung machte sie sich klein und nahm doch einen wichtigen Platz ein, konnte zugleich nur ein winziges Teil sein, aber dennoch Anteil an der großen Sache haben.
Gerade wegen ihrer Diskretion und Zurückhaltung muß es dann für sie sehr unangenehm gewesen sein, dieses Kapitel später in zahllosen Büchern und Artikeln ausgebreitet zu sehen, in denen ihr immer wieder eine ganz bestimmte Rolle zugeschrieben wurde, die Rolle der Verführerin, der feurigen Jüdin, die den verklemmten College-Absolventen aus Cambridge in die Liebe und den Kommunismus und die Schlachten der Wiener Arbeiterklasse eingeführt hat. Merkwürdigerweise war es gerade mein Vater, der sich über diese Passagen besonders aufregte, schon weil sie, ob nun falsch oder wahr, viel zu deutlich ein Klischee bedienten. Meine Mutter hingegen schmerzte es, ihrer beider Geschichte, die Liebesgeschichte und die Geschichte ihrer Ehe mit Kim, in der Öffentlichkeit ausgebreitet und ausgewalzt zu sehen, während er selbst nie wieder ein Lebenszeichen von sich gegeben hatte. Ich glaube, sie hätte sich ein Wiedersehen gewünscht, bei dem sie sich hätten erklären und aussprechen können. Diesen Wunsch und die Enttäuschung über ein so sprachloses Ende entnahm ich der Art, wie sie manchmal in Anfällen von Ausführlichkeit von ihm und dem, was sie verbunden hatte, erzählte, und eben auch der Art, wie sie seinen Namen aussprach. Ein Name und eine Geschichte aus einer weit zurückliegenden Zeit, die nun in Erinnerungen, dem innerlichen Nacherzählen dieser Erinnerungen und schließlich dem Schatten der Erinnerungen verwoben waren, bis die Vergangenheit plötzlich in der unwirklichen Gegenwart von Zeitungen und Büchern wieder auftauchte, nachdem Harold Adrian Russell Philby am 23. Januar 1963, aus Beirut kommend, die Grenze zur Sowjetunion überschritten hatte, seine Flucht nach Moskau einen Monat später offiziell bestätigt worden war und er sich endgültig als »der dritte Mann« enthüllte, woraufhin die englischen Journalisten meiner Mutter in Karlshorst das Haus einzurennen begannen, um sie nach diesen weit zurückliegenden Tagen ihres Lebens auszufragen.
Auch wenn sie danach mit mir über »dieses Kapitel« redete, geschah es weiter im Ton der Geheimhaltung und mit der strikten Anweisung, es nicht weiterzuerzählen, mit niemandem darüber zu sprechen, obwohl ich überhaupt nicht verstehen konnte, warum, da es doch nun schon überall geschrieben stand und im Fernsehen und im Radio von früh bis spät besprochen wurde. Doch dieses »Kapitel aus meinem Leben« war in ihrer Überlieferung so sehr an das Gebot der Geheimhaltung geknüpft, daß auch ich mich daran gebunden fühlte, nicht aus der Überzeugung, daß es noch nötig sei, sondern eher aus Verlegenheit. Aus Verlegenheit, dieses Rangabzeichen, den Adelstitel am Rande der Lächerlichkeit, zu tragen, und aus Verlegenheit gegenüber der Aufregung, die die Mitteilung der Geheimdienstverstrickungen meiner Mutter jedesmal auslöste.
Erst im Jahr vor ihrem Tod, als sie eines Tages vor der Tür meines Ateliers stand und vorschlug, einen Kaffee in der Caféteria zu trinken, forderte mich meine Mutter plötzlich auf, »diese Geschichte« aufzuschreiben, »dieses Kapitel aus meinem Leben« festzuhalten. Vielleicht in einem Zeitungsartikel, für die Times oder die New York Times. Ich könne ein hohes Honorar verlangen, ein sehr hohes Honorar sogar. Noch heute weiß ich nicht genau, wie sie das gemeint hat. Sollte sich die Sache am Ende wenigstens für ihr Kind ausgezahlt haben, und sei es finanziell?
Ich solle schreiben, daß sie, meine Mutter, Litzy war, Litzy Kohlmann, Friedmann, Philby, Honigmann. Daß sie alles wußte, und daß alles zwar in Wien begonnen, aber erst in London richtige, feste Formen angenommen hat, die Anwerbung und der Eintritt in den sowjetischen Geheimdienst. Daß gemeinsame Wiener Freunde, oder Freunde dieser Freunde, das eingefädelt hatten und nicht sie selbst, wie immer gesagt wird. Wie sie nach London gezogen waren und Kim dann nach Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs als Korrespondent nach Spanien ging, der einzige englische Journalist, der von der Seite Francos aus berichtete, aber das sei natürlich nur eine getarnte Stellung gewesen, um Informationen an die Russen weitergeben zu können. Es war die erste richtige Aufgabe, die ihm der sowjetische Geheimdienst übertragen hatte, und während dieser Spanien-Episode sei sie sein Verbindungsmann gewesen; deshalb hatte sie eine Wohnung in Paris genommen und lebte dort von seinem Gehalt bei der Times. Von Frankreich aus sei es einfach leichter gewesen, die Verbindung zu halten. Sie trafen sich in Hotels in Biarritz oder Perpignan und auch in Gibraltar, dorthin überbrachte er ihr die Nachrichten, die sie dann an den Kontrolloffizier in Paris weitergeleitet hat. Natürlich hatte es manchmal Schwierigkeiten gegeben. Die Schlacht von Teruel hatte Kim in Francos Hauptquartier verbracht, kurz danach gab es eine Schießerei, bei der er am Kopf verwundet wurde, da versteckte er die Nachrichten im Kopfverband. Vielleicht war das aber auch der Moment, wo er den Kassiber verschlucken mußte. Erst verstecken, dann verschlucken oder beides gleichzeitig.
Nach Ausbruch des Kriegs war sie 1939 nach London zurückgekehrt. In unserem Gespräch sagte sie, daß damit ihre Beziehung zum sowjetischen Geheimdienst beendet gewesen sei, was sehr unwahrscheinlich klingt, denn gerade diese Jahre waren die Zeit des größten politischen Mißtrauens in der Sowjetunion, die Zeit der schlimmsten Verdächtigungen und erbarmungslosesten Prozesse, in denen noch der harmloseste Bürger zum Feind und gegnerischen Spion erklärt wurde. Und selbst wenn man ihn nicht sofort erschoß oder ins Lager deportierte, ließ man ihn doch nicht einfach laufen. Meine Mutter hat mir keine Erklärungen für diese Unwahrscheinlichkeit gegeben, wie sie sich mit all ihrem Wissen unverdächtigt und ungeschoren aus der sowjetischen Geheimdienstwelt hatte verabschieden können. Ihr Schweigen darüber muß wohl mehr ein Ausdruck der Lüge als der Wahrheit gewesen sein.
Philbys Erinnerungen an das Spanien- und Paris-Kapitel, so wie er sie, ebenfalls im Jahr vor seinem Tod, dem russischen Journalisten mitgeteilt hat, weichen völlig von der Erzählung meiner Mutter ab. Vielleicht aber hat auch der russische Journalist etwas verwechselt oder falsch verstanden. Wenn man die Versionen vergleicht, wird alles immer unklarer. Aber etwas Ungereimteres als die Erinnerungen verschiedener Zeugen findest du sowieso nicht. Und es war ja alles schon sehr lange her. Vielleicht lohnte es nicht mehr, sich genau zu erinnern, vielleicht hat einer von ihnen bewußt gelogen, oder beide haben die Vergangenheit in der Erinnerung umgestaltet. Vielleicht aber werden auch die größten Geheimdienstgeheimnisse am Ende so fad und so leer, daß es keinen Sinn mehr macht, sie genau im Gedächtnis zu behalten.
Von allen Kapiteln aus ihrem Leben ist Paris das Lieblingskapitel meiner Mutter gewesen, von dem sie am liebsten und auch am häufigsten erzählte, immer dieselben Episoden und Betrachtungen wiederholte, die schließlich in feststehende Formeln einschmolzen.
»Getanzt habe ich! Nächtelang getanzt! Fast an jedem Abend habe ich in meiner Atelierwohnung am Quai d’Orsay eine Party gegeben«, erzählte sie. »Meistens kannte ich nicht mal ein Viertel der Leute, die sich da amüsierten. Als ich einmal mit einem Mann tanzte und ihn fragte, wie er eigentlich auf diese Party gekommen sei, sagte er mir, er habe auf der Überfahrt von Dover nach Calais jemanden kennengelernt, der das halbe Schiff zu dieser Party eingeladen hatte, und sie seien dann direkt von der Fähre hierher zum Quai d’Orsay gekommen. Er fragte mich, ob ich die Gastgeberin kenne, von der auf dem Schiff so viel die Rede gewesen sei, er sollte sich vielleicht bei ihr vorstellen. Da habe ich natürlich laut gelacht und gesagt, ja, dann stellen Sie sich mir nur vor! Ich weiß nicht einmal mehr, welche Sprache wir gesprochen haben.
Ich hatte schon bald nach meiner Ankunft in Paris einen Kreis von Künstlern um mich versammelt, Maler und Bildhauer, Schüler von Maillol, meistens Ungarn oder Holländer. Die Ungarn waren schrecklich arm, die Holländer relativ wohlhabend, ich aber war zu dieser Zeit ziemlich wohlhabend, da ich mir ja jeden Monat bei »Lloyds« einen Scheck abholte, Kims Gehalt von der Times, von dem ich die Wohnung unterhielt. Nie wieder in meinem Leben habe ich in so großem Stil gelebt, das Geld verschenkt und zum Fenster rausgeschmissen, es hat mir großen Spaß gemacht. Ich kaufte mir Kleider und Hüte, du kennst ja meine Leidenschaft für Hüte, große Hüte mit breiter Krempe, mit Federboa, dernier cri, nouvelle collection! Und meine Künstlerfreunde schenkten mir Bilder, Grafiken und Zeichnungen. Damals habe ich auch die beiden Modigliani-Zeichnungen gekauft, die dann mit all den anderen Blättern irgendwann irgendwo in London bei den vielen Umzügen während des »Blitz« verlorengegangen sind.
Als der Krieg ausbrach, meinte Kim, ich sollte mich besser nach England in Sicherheit bringen, denn als Jüdin könnte es für mich im Falle einer deutschen Besetzung in Paris sehr gefährlich werden. Irgendwie war uns allen klar, daß Frankreich nicht lange standhalten würde. In der Panik des Kriegsausbruchs gab es schon kaum noch eine zivile Möglichkeit der Überfahrt, aber Kim hat mir über das Foreign Office noch einen Platz auf einem Schiff organisieren können, wir waren ja noch verheiratet, und als Mrs. Philby galt ich als echte Engländerin. In Paris hatte ich allerdings schon mit Pieter zusammengelebt, und auch Kim hatte andere Affären. Pieter war einer von den holländischen Bildhauern, die zu meinen Festen kamen, wir haben uns ganz plötzlich ineinander verliebt; vielleicht war es meine glücklichste Liebe und die Zeit mit Pieter die glücklichste Zeit meines Lebens. Ich glaube, ich liebte ihn, aber er liebte mich ein bißchen mehr als ich ihn. Sonst war es immer umgekehrt in meinem Zusammenleben mit Männern, oder es scheint mir zumindest so, daß immer ich es war, die mehr gegeben hat, und am Ende verließen mich die Männer dann, so wie dein Vater. Aber auch die Liebe mit Pieter ist irgendwo verlorengegangen, und ich weiß nicht einmal genau, wo und wann. Mit Kriegsausbruch mußte er nach Holland zurückkehren, und wir haben erst viele Jahre später wieder voneinander gehört, da war ich schon mit deinem Vater verheiratet oder vielleicht sogar schon wieder von ihm geschieden. Vielleicht habe ich diese Liebe mit Pieter aber auch deshalb so glücklich in Erinnerung, weil sie durch die äußeren, die politischen Verhältnisse an ihrem Glück gehindert wurde, so ist es uns erspart geblieben, in einem längeren Zusammenleben aneinander zu scheitern. Wir hatten noch ein Haus in Grosrouvre, eine Stunde von Paris, gemietet, lebten also halb in der Stadt und halb auf dem Land, und immer waren sehr viele Freunde zu Besuch, bald kamen aus England schon die ersten Wiener nach, die inzwischen auch ausgewandert waren. In Grosrouvre haben wir noch alle zusammen die letzten unbeschwerten Monate verbracht, die alten Freunde aus Wien und die neuen Freunde aus Paris, die Holländer und Ungarn. Ich glaube, wir waren nie weniger als ein Dutzend Menschen im Haus. Wir sympathisierten mit der spanischen Republik, mit Léon Blum und der Volksfront und haßten natürlich die Nazis. Zum Kriegsausbruch hin wurde die Stimmung immer bedrückter, aber auch aufgeheizter, dennoch waren die Jahre in Paris die schönste Zeit meines Lebens. Es war genauso, wie Hemingway es geschrieben hat, »Paris, ein Fest fürs Leben«. Natürlich hatte ich in dieser Zeit auch einen Hund, den ich mir aus einem Hundeheim geholt habe, er war so groß, daß ihn keiner haben wollte, und guckte so traurig aus seinem Käfig, daß ich ihn mitnahm. In Paris und in dem großen Garten von Grosrouvre hat er noch zwei, drei Jahre ein schönes Leben gehabt, die vielen Menschen haben ihn nie gestört, ganz im Gegenteil, er war so anhänglich und vertraute jedem. Ich habe sein Vertrauen in die Menschen dann enttäuscht, denn ich konnte ihn nicht mit nach England nehmen, so hab ich ihn wieder in ein Tierheim zurückbringen müssen, hab ihm ein gutes, teures gesucht und für mehrere Jahre im voraus bezahlt. Wenn ich einmal ein Buch schreiben würde, dann wäre es über diesen Hund. Er fehlt mir immer noch. Nach dem Krieg war das Tierheim in Paris natürlich unauffindbar, genauso unauffindbar wie Pieter. Und auch von den holländischen und den ungarischen Künstlern habe ich niemanden mehr angetroffen.
Nur ein einziges Mal bin ich nach dem Krieg nach Paris zurückgekehrt, und das hat mir wirklich das Herz gebrochen, denn ich wußte, daß es das letzte Mal sein würde. Um mich zu trösten, habe ich mir noch einmal einen großen Hut gekauft und während dieser Tage in Paris getragen. Aber danach habe ich ihn in meinem ganzen Leben nicht wieder aufgesetzt.«
Dieser letzte Pariser Hut gehörte zu den wenigen Dingen, nein, war wahrscheinlich das einzige Stück aus dem Besitz meiner Mutter, das sie, obwohl es nutzlos, also überflüssig geworden war, über all die Jahre noch in Berlin aufhob. Ich habe ihn dann verloren, als ich ihn den zusammengetragenen Requisiten und Kostümen für eine Schultheateraufführung einverleibte, wo er im allgemeinen Chaos unterging und unauffindbar blieb, obwohl ich noch lange nach ihm gesucht habe.
Die Erzählungen meiner Mutter über das Pariser Kapitel zeichneten sich nicht nur durch ihre Ausführlichkeit aus, dieses Kapitel hatte auch eine besondere Melodie, gefühlvoll und wehmütig, euphorisch und gleichzeitig resigniert, und es erklangen viele eingestreute französische Wörter darin, die allerdings durch das gerollte R ein wenig nach dem Balkan klangen, auf dem mein Vater ihre Herkunft angesiedelt hatte. Dabei war sein eigener deutscher Akzent sowohl im Englischen als im Französischen unüberhörbar. Er schien ein bißchen eifersüchtig zu sein auf dieses Kapitel aus dem Leben meiner Mutter, in dem er sie noch nicht gekannt hatte, obwohl er sich zur selben Zeit in Paris gerade als Buchhändler versuchte, nachdem er nach der Machtergreifung Hitlers aus seiner Stelle als Londoner Korrespondent der Vossischen Zeitung rausgeflogen war und bald darauf die ganze Vossische Zeitung zu existieren aufhörte. Die Buchhändlerkarriere blieb allerdings erfolglos, und er hauste mehr, als daß er wohnte, irgendwo in Belleville, zwischen lauter Negern, weit entfernt vom Quai d’Orsay, wo Mrs. Philby ihre Feste feierte.
Obwohl das Pariser Kapitel ihres Lebens an Jahren das kürzeste war, ähnelte es doch am meisten einem Roman. Es gab keine wirklich französische Seite meiner Mutter, wie es eine wienerische, eine ungarische, eine englische und später eine Berliner Seite gab. Sie zitierte zu oft den Satz, jeder Mensch habe zwei Heimatländer, sein eigenes und Frankreich, als daß ich nicht verstand, daß Frankreich für sie ein unerfüllter Entwurf ihres Lebens geblieben war, den sie sich immer wieder enthusiastisch vorerzählte, eines Lebens als Mäzenin und Muse, in dem sie Hüte und Räume kreiert hätte, eines Lebens zwischen Großbürgertum und Boheme, zwischen Paris und Sanary-sur-mer und Ferien auf Korsika. Der sowjetische Geheimdienst kam in diesem Entwurf nicht vor.
Es war das Frankreich Léon Blums und der Volksfront, von dem sie erzählte, mit dem Spanischen Bürgerkrieg nebenan, was außer Feste-Feiern, Nächte-Durchtanzen und Hüte-Anprobieren der eigentliche Grund ihres Paris-Aufenthaltes war. Denn in Wirklichkeit, oder zumindest parallel dazu, war es die Zeit der Konspiration, der Kassiber, der Treffen mit Kontrolloffizieren und Nachrichtenübergaben. Dieses parallele Geheimdienstleben jedoch war eben »das Kapitel«, während der andere Teil dem Roman glich, zu dem meine Mutter ihr Leben gerne umgedichtet hätte. Dem Roman eines Lebens, das, jedenfalls in ihrer Rückschau, vom Ende her betrachtet, vielleicht besser zu ihr gepaßt hätte, mit einem Mann, der sie ein bißchen mehr geliebt hätte als sie ihn, und in dem sie der Mittelpunkt eines kosmopolitischen Künstlerkreises gewesen wäre. In diesem Leben hätte Léon Blum nicht zurücktreten müssen, hätte Frankreich Hitler standgehalten, die spanische Republik gesiegt, hätten das Münchner Abkommen und der »Anschluß« von Österreich nie stattgefunden, und Schauprozesse und Massenhinrichtungen in der Sowjetunion schon gar nicht.
Der Paris-Roman und das Pariser »Kapitel« fielen in den Erzählungen meiner Mutter völlig auseinander, die Geheimtreffen mit Philby in Orten nahe der spanischen Grenze und mit den Verbindungsoffizieren in Paris schienen in einem anderen Leben stattgefunden zu haben, in dem sie auch das Wort Atomenergie zum ersten Mal gehört und dann weitergegeben hat, »ein Freund wünschte die Russen darüber zu informieren«. Wenn sie in dieser Informationskette auch nur ein ganz kleines Verbindungsglied gewesen sein sollte, würde es immerhin die Überzeugung erklären, mit der sie behauptete, die Rosenbergs seien nicht unschuldig hingerichtet worden. So weit ging sie aber in ihren Erklärungen nicht, das Pariser »Kapitel« war kurz und knapp und blieb ohne Ausschmückungen. Der Paris-Roman hingegen, der von Festen und Freunden und Hüten und ihrem holländischen Geliebten handelte, umfaßte mehrere Bände, in denen unter anderem auch eine Fotoreportage eine große Rolle spielte, die unter dem Titel L’Appartement de Madame Philby über ihre Wohnung am Quai d’Orsay in einer Zeitschrift erschienen sein soll. Leider hat sie mir den Namen der Zeitschrift nie genannt, oder ich habe ihn vergessen, so etwas wie House and Garden auf Französisch muß es gewesen sein. Diese Reportage hätte ich gerne gesehen, und da ich mir ungefähr ausrechnen konnte, in welchen Jahrgängen ich danach zu suchen hätte, bestellte ich mir eines Tages in Paris die kompletten Jahrgänge mehrerer Zeitschriften dieses Genres zwischen 1936 und 1939 in den Lesesaal der Bibliothek des Musée de l’art décoratif. Die Welt, in der meine Mutter in diesen Pariser Jahren gelebt hatte, nahm in Magazinen wie Art et décoration, Plaisir de France und Mobilier et décoration tatsächlich Gestalt an, es war eine unverhofft heile und sorglose Welt, bis auf Sorgen wie: Où poser votre chapeau? Savez vous choisir un tapis? Voiture et personnalité. Genau wie es meine Mutter beschrieben hatte, wurden in diesen Zeitschriften oft einzelne Wohnungen vorgestellt, die den Herausgebern wegen ihrer Originalität und ihres guten Geschmacks exemplarisch erschienen, und in allen nur möglichen Ansichten gezeigt und beschrieben. Große Wohnungen, kleine Wohnungen, Studios, Ateliers in Paris und Häuser auf dem Land. Mir wurde schwindlig von all den Gärten, Villen und Mobiliaren, aber die Wohnung von Madame Philby konnte ich nicht finden.
Ach, mein Gott, sagte die Bibliothekarin, was in dieser Zeit alles geschehen ist, und seitdem ist doch nichts mehr, wie es vorher war. Warum sollten sich denn gerade alle diese albernen Einrichtungszeitschriften erhalten haben?
Nach dem Tod meiner Mutter glaubte ich, Pieter, den Mann, der sie ein bißchen mehr geliebt hat, benachrichtigen zu müssen, seine Amsterdamer Adresse kannte ich nur zu gut, sie war mir, soweit ich überhaupt zurückdenken kann, als Absender auf seinen regelmäßigen Briefen vertraut. Einige Jahre nach dem Krieg hatten sich Pieter und meine Mutter wiedergefunden und von da an Briefe miteinander gewechselt, aber er hat uns nie besucht, und sie haben offensichtlich nie ein Wiedersehen verabredet, als ob sie sich außerhalb des Pariser Romans nicht wiederbegegnen mochten. Als ich ihn in Amsterdam besuchte, erzählte er mir, daß er nach dem Krieg einmal Kim Philby, und zwar auf dessen Wunsch, wiedergetroffen und gehofft hatte, bei dieser Gelegenheit auch Litzy wiederzusehen. Doch diese Hoffnung erfüllte sich nicht, Philby erschien allein zu der Verabredung, und Pieter hatte nicht gewagt, nach Litzy zu fragen. Ich konnte ihn sowieso nicht leiden, sagte er, natürlich, er war ja mein Nebenbuhler. Er sagte auch, er sei in alles oder wenigstens in einiges eingeweiht gewesen, Litzy habe ihm gleich bei ihrem zweiten Zusammensein erzählt, daß sie für den sowjetischen Geheimdienst arbeite. Das war Ende des Jahres 1937, das wußte er noch ganz genau, Russen und Engländer waren Verbündete, und daher sei die Enthüllung zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich gefährlich gewesen.
»Ich habe deine Mutter heiß geliebt, ich kann dir gar nicht sagen, was sie mir bedeutet hat und noch immer bedeutet«, war der erste Satz, den ich von ihm hörte, gleich auf dem Weg, nachdem wir uns am Bahnhof getroffen und an unseren gegenseitigen Beschreibungen voneinander erkannt hatten, wir trugen beide Baskenmützen, und auch sonst sah er genau wie ein richtiger Künstler aus. Meine Mutter hatte mir Pieters Äußeres nie beschrieben, aber dafür mehrmals erwähnt, daß er nach dem Krieg mit zwei Frauen gelebt habe, einer, mit der er verheiratet, und einer, die seine Freundin war, mit keiner jedoch in einer Wohnung, sondern jeder von ihnen lebte in seiner eigenen Wohnung, und als neutrales Gebiet behielt er sich sein Atelier vor. Dorthin führte er mich jetzt, und so saßen wir dann zwischen seinen Skulpturen, von denen ich schon einige von Fotos kannte, die er seinen Briefen regelmäßig beigelegt und die mir meine Mutter mit Stolz gezeigt hatte, vielleicht in der Überzeugung, daß sie es gewesen war, die seine Kunst einst inspiriert hatte, und daß ihr irgendein Anteil daran zukomme. Und obwohl sie über die ausführlichen Beschreibungen der auf- oder abblühenden Natur, die in seinen Briefen auch vorkamen, bloß den Kopf schütteln konnte, steckte sie die kenntnisreich ausgesuchten Amsterdamer Tulpenzwiebeln, die er einmal im Jahr zur rechten Zeit schickte, immer brav und vorschriftsmäßig in die Karlshorster Erde, goß sie regelmäßig und erfreute sich schließlich auch an ihrer Blüte, denn mit ihren üppigen Farben hoben sie sich, nach der Meinung meiner Mutter, weit von allem ab, was man sonst in Karlshorster Gärten sah. Und ein Garten zählt ja auch nicht als Natur.
Genau wie mein Vater beklagte sich Pieter bei mir über Litzys Verschlossenheit. Ja, er wisse zwar, daß sie ihm über all die Jahre auf irgendeine Weise in Freundschaft und Liebe treu geblieben sei, so wie er auch ihr, aber wenn er sich frage, was er aus ihren zahlreichen Briefen erfahren habe, dann sei das sehr wenig, eigentlich gar nichts, jedenfalls nie das, was ihn interessiert hätte, wie sie lebte und mit wem sie lebte und wie es ihr wirklich erging. Kein einziges Mal habe sie in ihrem jahrzehntelangen Briefwechsel ein Wort über ihre Ehe mit meinem Vater oder über die Scheidung von ihm geschrieben, und auch kein Wort über ihr Zusammenleben mit Wito, nicht einmal den Tod meines Vaters habe sie ihm mitgeteilt. Warum hat sie ihr Leben vor mir versteckt, fragte er ausgerechnet mich, und ich wußte darauf wirklich keine Antwort. Wie mein Vater suchte er in mir eine Verbündete gegen ihre Verschlossenheit und Fremdheit, und wie mein Vater liebte und bewunderte er, aber irritierte ihn auch ihre genialische Großzügigkeit und ihre chaotische Lebensart, nur daß er diese Charaktereigenschaften, die mein Vater »balkanhaft« nannte, als »wienerisch« bezeichnete. Mein Vater, Pieter und ich hätten einen Dreierbund schließen können, wir, die ihr so stark zugeneigt waren und uns doch aus ihrem Leben ausgeschlossen oder zumindest immer wieder vor die Tür gesetzt fühlten.
»Genau ein Jahr lang waren wir in Paris ein glückliches Paar«, hat Pieter erzählt, »vom Frühjahr 1937 bis zum Frühjahr des Jahres 1938. Nach dem ›Anschluß‹ versank Litzy in Sorge, Unruhe, Angst. Während des ersten, des glücklichen Jahres erzählte sie sehr viel von Wien, weniger von Ungarn und fast nie von ihren Eltern und ihrer jüdischen Herkunft. Manchmal kamen Briefe ihrer Eltern und Packerln, wie Litzy sagte, dann war sie für Stunden unruhig, unausstehlich und unansprechbar. Aber ich war ja schließlich nicht schuld am ›Anschluß‹. Natürlich war das alles schrecklich, aber warum konnten wir deswegen nicht weiter glücklich zusammenleben? Ich habe es damals nicht verstanden, und so richtig verstehe ich es heute noch nicht. Es gab dann kein Alleinsein mehr, weil in jeder freien Ecke der Wohnung ein Flüchtling schlief, und es gab in der großen Wohnung viele freie Ecken. Ich war eifersüchtig und gekränkt, weil mir die Flüchtlinge Litzy wegnahmen, mit ihrer Aufregung, ihrer Unruhe und ihren endlosen Diskussionen über den ›Anschluß‹, über den Spanienkrieg, über Franco, Mussolini und Hitler und darüber, was uns noch bevorstand und was aus uns allen werden sollte. Der Kriegsausbruch hat dann diese Art Zusammenleben in einer großen Panik beendet und auch uns beide getrennt – wie sich später herausstellte, für immer. Ich habe sie sehr vermißt, deine Mutter, aber nach dem Krieg hat jeder sein Leben gelebt, ich in Amsterdam und sie in Berlin, wir haben uns Briefe geschrieben, ohne darin viel zu erklären, ich habe ihr Tulpenzwiebeln und sie hat mir Kunstbücher aus einem DDR-Kunstverlag geschickt, und ohne uns je darüber abzusprechen, haben wir ein Wiedersehen vermieden. Ich weiß nicht, ob wir uns in unserer Gegensätzlichkeit auf Dauer weiter angezogen oder eher abgestoßen hätten, wenn wir zusammengeblieben wären, denn ich war nie Kommunist, bin kein Jude, stamme auch nicht aus Österreich-Ungarn, ich bin nur ein ganz langweiliger Holländer.
Einige Jahre nach Philbys Flucht in die Sowjetunion bin ich hier in Amsterdam von einer offiziellen Stelle zu einem Gespräch gebeten worden, das sich über zwei Tage hingezogen hat. Man könnte es auch ein Verhör nennen. Plötzlich wußten sie ziemlich genau Bescheid über unsere Bekanntschaft, meine abgerissene Beziehung zu Mrs. Philby, sie fragten mich stundenlang aus und wollten wer-wann-wo-mit-wem-was erfahren, aber ich konnte ihnen wirklich nicht helfen. Denn ich bin ja nur ganz am Rand der Geliebte der Frau des Geheimagenten gewesen.«
In meiner Vorstellung gibt es Länder, die ich auf Karten und Atlanten und manchmal auf Reisen gesehen habe, und dann gibt es noch England, das ich trotz mehrerer Besuche eigentlich nie gesehen, sondern immer nur gehört habe. Auch heute noch höre ich England, mit den Stimmen meiner Mutter, meines Vaters und ihrer Freunde, als großes Epos aus immer wiederholten und immer neu beleuchteten Erzählungen und Beschreibungen, Anekdoten und Betrachtungen. In diesem Gesang ist England etwas Zusammenhängendes aus Gesagtem und Ungesagtem, das, wie die Insel selbst, für Leute vom anderen Ufer unverständlich bleibt.
Vielleicht um den tausend Erzählungen eine Anschauung geben zu können, schickte mich meine Mutter eines Tages plötzlich hinüber in das gelobte Land. Natürlich gab sie keine weiteren Erklärungen, sie holte mich an dem Tag, an dem ich das Zeugnis der 5. Klasse erhielt, einfach von der Schule ab. Das war sehr ungewöhnlich und ist vorher und nachher nie wieder vorgekommen. Statt durch den Traberweg nach Hause zurückzukehren, gingen wir zum S-Bahnhof, meine Mutter in ihrem uneinholbaren schnellen Schritt vorneweg, ich maulend hinterher, weil sie mich von meinen Freundinnen weggerissen hatte, dann nahmen wir die S-Bahn in die Stadt und stiegen nicht einmal am Bahnhof Friedrichstraße aus, sondern fuhren weiter nach West-Berlin. Auch das war sehr ungewöhnlich und noch niemals vorgekommen, daß meine Mutter mit mir gemeinsam einen Ausflug nach West-Berlin unternahm, ich wußte aber, daß sie manchmal mit Onkel Wito nach West-Berlin ins Kino fuhr, allerdings nur nach Dahlem ins »Capitol«, das Gerschom Klein, ein ehemaliger Palästina-Emigrant, dort als eine Art »Cinémathèque« eröffnet hatte. Ich selbst fuhr manchmal mit meinen Freundinnen »rüber«, wir kauften Kaugummis und Mickymaushefte und gingen ins Tageskino am Bahnhof Zoo, dabei hing ich völlig von der Großzügigkeit meiner Freundinnen ab, denn sie bekamen immer Westgeld von ihren Omas und Tanten zugesteckt, ich aber hatte keine Oma und keine Tante und kein Westgeld.
Meine Mutter führte mich ohne jeden Umweg ins Konsulat des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Nordirland, und während wir dort im Warteraum saßen, wußte ich immer noch nicht, was eigentlich geschah, bis mir klar wurde, daß meine Mutter dort einen sogenannten Traveller-Paß für mich beantragte, den wir auch, da sie gleich zwei Paßfotos von mir mitgebracht hatte, auf der Stelle ausgestellt bekamen. Solche Traveller-Pässe wurden von den britischen Behörden für Bürger der DDR und vielleicht auch Bürger anderer Staaten, deren Pässe sonst nirgends anerkannt wurden, ausgestellt und ermöglichten es ihnen, in der Welt herumzureisen. Sie galten für drei Monate und waren in den Augen der DDR illegal, ihr Besitz verboten. Mit diesem Besuch in der Konsularabteilung der britischen Botschaft hatte meine Mutter zum ersten Mal seit 1946 wieder britischen Boden betreten, und das war für die ehemalige Mrs. Philby vielleicht nicht ganz ohne Risiko gewesen.
Wenige Tage später setzte sie mich in ein Flugzeug der polnischen Linie LOT, das auf der Route Warschau-London in Berlin Schönefeld zwischenlandete, um die wenigen Reisenden aus der DDR aufzunehmen. Du wirst deine Ferien in England verbringen, hatte sie mir zwei Tage vorher eröffnet. Weitere Erklärungen gab es nicht, auch nicht darüber, warum wir nicht gemeinsam reisten, wie sonst nach Wien oder Budapest. Damals hatte ich ja keine Ahnung von dem Verrat, den sie an ihrem geliebten England begangen hatte, und davon, daß sie es aus Angst vor Verhaftung nie wieder zu betreten wagte. »Die Engländer sind bewundernswert tolerant, dafür erwarten sie Loyalität, und wenn du die aufgibst, dann überschreitest du auch ihre Toleranzgrenze und sie verlieren sogar ihren Humor«, hat mein Vater einmal kommentiert, »Engländer können sehr hart sein.« Mit diesem Kommentar gestand er ihnen natürlich gleichzeitig ihre legendäre Fairneß zu. Er wußte, wovon er sprach, denn auch er hatte die Engländer, wenn auch auf andere Weise, an der Nase herumgeführt. »Die Rosenbergs hatten Pech«, ergänzte meine Mutter diese Gedanken, »daß sie von einem amerikanischen und nicht von einem britischen Gericht verurteilt wurden, denn Klaus Fuchs, der den Engländern das Asyl, das sie ihm vor der Verfolgung durch die Nazis geboten hatten, mit Spionage und Hochverrat vergalt, ist mit 14 Jahren Gefängnis davongekommen und nach neun Jahren schon wieder entlassen worden, während die Rosenbergs für sehr viel weniger Atomspionage hingerichtet worden sind.«
Wie zufällig saß neben mir im Flugzeug Jenny Reichmann, die ich aus dem weiteren Freundeskreis meiner Eltern kannte. Sie war 1938, von den Eltern getrennt, mit einem Kindertransport nach England entkommen und nach dem Krieg über Palästina nach Berlin zurückgekehrt, und mein Vater, ohne jedes Erbarmen für ihr schweres Schicksal, bezeichnete sie als »entsprechend hysterisch und verrückt«. Dabei war sie nur ein bißchen exzentrisch, gerade deswegen mochte ich sie, sie sah anders aus, kleidete sich anders und benahm sich anders als die meisten Leute in Berlin. Im Flugzeug bemutterte sie mich, so gut sie konnte, und das war auch nötig, denn es war mein erster Flug und meine erste Reise nach England, ich war stolz und ängstlich, daß ich diese mythische Insel, von der ich zu Hause den ganzen Tag reden hörte, nun wie eine richtige Forschungsreisende ganz allein entdecken sollte. Jenny Reichmann übergab mich am Flughafen in London den Freunden meiner Eltern, die mich beherbergten und dann anderen Freunden übergaben und später noch anderen, so ging das sechs Wochen von einem Haus zum anderen, von Freunden zu Freunden in London und in der Grafschaft Hertfordshire.
Was ich in London fand und erlebte, war zwar unvorstellbar aufregend, denn gegen London war nicht nur Berlin ein Kaff, sondern auch Budapest und selbst Wien, schon wegen der Vielfarbigkeit der Menschen, die alle linksspurig fuhren und von denen keiner brüllte, hupte und zeterte, als wir einmal mitten in einer belebten Straße wendeten, sondern die geduldig warteten, bis wir das Manöver beendet hatten. Vielleicht war überhaupt die Höflichkeit und Freundlichkeit der Londoner im Gegensatz zum ewigen Rumgeschnauze der Berliner das Beeindruckendste, und natürlich der flackernde, flimmernde, blinkende Piccadilly Circus und außerdem Hunderte von Sorten Cornflakes. Das alles hatte jedoch nichts zu tun mit den Episoden, Anekdoten und Erzählungen aus der sagenhaften Londoner Zeit meiner Eltern vor meiner Geburt, als sie in dieser Stadt vielleicht die wichtigste Zeit ihres Lebens verbrachten. Die englischen Erzählungen waren keine Erinnerungen wie die ungarischen, Wiener und selbst die aus Paris, sondern eine zweite Gegenwart, parallel zu unserem Berliner Leben, auch wenn so vieles nur angedeutet blieb oder sich zu Sentenzen und Einzeilern verkürzte. »Als wir Stefan Zweigs Haus gehütet haben«, war so ein Einzeiler und verbreitete eine Aura um sich, lange bevor ich wußte, wer Stefan Zweig war.
Die Familie, die mich am Londoner Flughafen in Empfang nahm, kannte ich gut, weil sie uns regelmäßig jedes Jahr im September besuchte. Sie waren, wie alle anderen Familien, unter denen ich dann die nächsten Wochen herumgereicht wurde, Österreicher, Juden und ehemalige Kommunisten. Mir kamen sie allerdings sehr englisch vor, weil sie sich in London so selbstverständlich bewegten und sich voller Stolz zu all den überwältigenden Dingen, die sie mir zeigten, zugehörig fühlten, zu den berühmten Sehenswürdigkeiten und den banalen Alltagsszenen, zur Metropole London und zur Countryside, während sich meine Eltern immer nur von Preußen und der öden Mark Brandenburg, wie sie sich auszudrücken pflegten, distanzierten und nicht aufhörten, über alles, was sie dort vermißten, zu lamentieren.
It’s Litzy’s daughter, wurde ich immer neuen Menschen vorgestellt.
Oh, Litzy’s daughter, really?
From East Germany!
Oh, from East Germany, really?
East Germany schien einfach unfaßbar zu sein, seine Erwähnung löste gleichermaßen Begeisterung wie Entsetzen aus.
Einmal wurde ich vor der Victoria and Albert Hall einem alten Ehepaar vorgestellt, das in einer Sprache auf mich einredete, die mir irgendwie bekannt vorkam und die ich doch nicht verstand. Da hörte ich zum ersten Mal in meinem Leben Jiddisch, und es war auch das erste Mal in meinem Leben, daß ich Leute traf, die sich als Juden bezeichneten, ohne weitere Erklärungen und Entschuldigungen dazu abzugeben.
Und dann gab es Toni, die die beste Freundin meiner Wiener Großmutter gewesen war, sie lebte in St. John’s Wood und war die einzige, die der Vergangenheit und allen Verlusten, so auch dem ihrer besten Freundin, nachtrauerte und das Schicksal anklagte, warum es so grausam war, warum immer Juden verfolgt werden mußten und warum sie nicht gemütlich hatte in Wien bleiben dürfen, wo sie schließlich nicht nur nie jemandem etwas zuleide getan, sondern sich in verschiedenen Vereinen um Hilfe und Wohltätigkeit für arme Menschen bemüht hatte. Toni war also keine Kommunistin, und als Geste der Zuneigung hatte sie nach dem viel zu frühen Tod ihrer besten Freundin, meiner Großmutter, deren Gebetbuch aufbewahrt, die Festgebete der Israeliten nach der Ordnung des Bethauses zu Wien, in der Übersetzung von Rabbiner Mannheimer, eine Jugendstilausgabe in rotem Leder mit Perlmuttverschlüssen aus dem Jahre 1904, in der auch das Gebet für den Landesvater, der damals noch Kaiser Franz Josef hieß, nicht fehlt. Dieses Gebetbuch steckte mir Toni in London fast konspirativ zu, da ihr klar war, daß die Litzy, die sie ansonsten sehr liebte, keinerlei Wert auf dieses Buch legte. Tatsächlich würdigte es meine Mutter, als ich es ihr in Berlin überbrachte, keines Blickes. Aber sie warf es auch nicht weg.
Ein bißchen Englisch lernte ich, wenn ich mit den Kindern der Freunde meiner Mutter spielte, denn die sprachen kein Wort Deutsch; ihre Eltern, deren Akzent unüberhörbar war, hatten geglaubt, ihnen die deutsche Sprache ersparen zu müssen. Von den Müttern wurde ich bei Marks & Spencer eingekleidet, und mit den Vätern brachen wir am Wochenende zu Besichtigungen des Windsor Castles oder des Towers oder zu Besuchen in Oxford und bei Madame Toussaud auf. Ich kaute Kaugummi und probierte jeden Tag eine andere Sorte Cornflakes aus, ich ließ mich herumfahren, schaute, bewunderte, staunte und belohnte meine Gastgeber mit Ballettabenden, die ich in ihren Wohnzimmern veranstaltete, mein Tutu und meine Spitzenschuhe hatte ich natürlich aus Berlin mitgebracht.
Für die letzte Ferienwoche wurde ich bei einem Paar abgegeben, das fast eine Generation jünger war als die anderen, sie hatten kleine Kinder, einen großen Hund und einen noch größeren Garten, der an die sowjetische Botschaft grenzte, vielleicht war es aber auch der Londoner Privatwohnsitz des sowjetischen Botschafters. Diese ungewöhnliche Nähe zu sowjetischen Uniformen und russischer Sprache, die durch einen entsprechend hohen Zaun verhindert wurde, war das einzige, was an Karlshorst erinnerte, doch der Zaun war so hoch und so fest, daß auch der große englische Hund keine Chance hatte, etwa wie Poldi in Karlshorst zu den Russen rüberzuschlüpfen und seine Besitzer durch seine Eskapaden in ein Gespräch mit den Genossen zu bringen.
Auch in dieser Familie wurde ich so herzlich und großzügig aufgenommen, wie ich es nun schon gewöhnt war, obwohl ich bis zum Schluß nicht richtig verstand, in welchem Verhältnis sie zu Litzy standen, waren sie doch zu jung, um noch Freunde aus Wien zu sein, und Eva, die Gastgeberin, sprach auch nur mit einiger Mühe und deutlich englischem Akzent Deutsch, ihr Mann hingegen gar nicht. Erst im Nachhinein hat meine Mutter mich aufgeklärt, daß Eva die Nichte von Lotte Altmann war, Stefan Zweigs letzter Frau, mit der er sich in Brasilien gemeinsam das Leben genommen hat. Sie und ihr Bruder Manfred und dessen Frau Hannah waren noch Freunde aus Wien gewesen. Manfred und Hannah waren nach dem Krieg bei einem Autounfall ums Leben gekommen, und seitdem war die Freundschaft auf deren Tochter übergegangen, die nun die Erbin von Stefan Zweig ist. Daher also das große Haus mit den vielen Badezimmern und Fernsehern und Gemälden an den Wänden.
Der Einzeiler »Als wir Stefan Zweigs Haus hüteten« muß sich auf Bath bezogen haben und die Zeit, als Zweig schon nach Amerika abgereist war. Ein Pléiade-Band der Comédie Humaine von Balzac, den ich bei meinen Forschungen in der Bibliothek meiner Mutter fand, legt davon Zeugnis ab, denn auf dem Vorsatzblatt ist
Stefan Zweig
Lyncombe Hill
Bath
eingestempelt. Und nicht weit davon stand im Regal eine Ausgabe der Schlimmen Liebschaften von Choderlos de Laclos in der Übersetzung Heinrich Manns mit der Zueignung
Herrn Doctor Stefan Zweig
in Erwiderung seines Geschenkes
26. Juli 1920
– Heinrich Mann
Vor allem mein Vater ließ nicht lange Zweifel über die Herkunft der Bücher aufkommen, er hat sich des öfteren hinreißen lassen zu sagen, »es tut mir bloß leid, daß ich nicht mehr mitgenommen habe. Zum Beispiel einen der zahlreichen Autographen, die einem jedesmal entgegenfielen, wenn man irgendein Buch aus dem Regal zog und darin blätterte. Ich hätte doch wenigstens eine ganz kleine Notenhandschrift von Mozart einstecken können. Ob sie nun bei mir oder in der British Library gelandet wäre!« Meine Mutter fand solche Reden unanständig und schlug die Augen zum Himmel, aber die Shakespeare-Ausgabe von 1783 (nach der vielleicht Schlegel und Tieck die deutschen Übersetzungen anfertigten) hat sie doch noch mitgehen lassen. Während meine Mutter immer mit großem Respekt von Stefan Zweig und seinen Werken sprach, spottete mein Vater über seine Sammlerwut, er hatte nämlich nicht nur Autographen und alte Bücher gesammelt, sondern, nach der Darstellung meines Vaters, auch Füllfederhalter, Bleistifte und Radiergummis, Briefumschläge, Schreibpapier und Farbbänder für die Schreibmaschine. Mein Vater wußte gar nicht genau, was ihn mehr beeindruckt hatte, die Mozart-Handschriften, die zwischen die Seiten der Bücher gesteckt waren, oder das Schreibwarenlager, das Stefan Zweig im Keller seines Hauses in Bath, wahrscheinlich als Kriegsvorsorge, angehäuft hatte. Unvorstellbar! wiederholte mein Vater oft; denn er war selbst ganz verrückt nach jeder Art von Schreibutensilien und litt sogar Zeit seines Lebens an Anfällen von Kleptomanie; während er sich bei Büchern und Handschriften noch zurückhalten konnte, ließ er doch immer mal wieder das eine oder andere Schreibzeug mitgehen, besonders Füllfederhaltern und besseren Kugelschreibern konnte er schwer widerstehen. »Er hat sich ja sowieso umgebracht«, relativierte er, als ob die Sammlungen damit hinfällig geworden wären. »Dein Vater hat vor niemandem Respekt«, tadelte meine Mutter oder wies ihn selbst zurecht, »Georg, sprich nicht so pietätlos«.
Ich habe nie erfahren, ob meine Eltern Stefan Zweig je begegnet sind oder ob sie nur sein Haus hüteten, wie lange sie das taten und wozu eigentlich und was schließlich mit dem Haus in Bath geschehen ist.
Dann hatte ja auch jeder von meinen Eltern noch ein England für sich, das erst nach mehreren Jahren in ihre gemeinsame Geschichte mündete, zu meiner Vorgeschichte wurde, und das Epos noch um einige Personen, Orte, Handlungen erweiterte.
Nachdem mein Vater aus seiner Korrespondentenstelle für die Vossische Zeitung entlassen worden war, schrieb er aus London für deutsche, österreichische, Schweizer und tschechische Zeitungen, wie es gerade kam, und landete dann nach seinem kurzen, erfolglosen Paris-Abenteuer beim neu gegründeten Exchange Telegraph, zusammen mit Peter de Mendelssohn, den er noch von der Vossischen Zeitung kannte und dem er, jedenfalls nach seinen Aussagen, das »de« erfunden hatte. Zu dieser Zeit war mein Vater noch mit Ruth verheiratet, die wie er aus gutbürgerlichen Frankfurter jüdischen Kreisen stammte und wenig Verständnis für sein stärker werdendes linkes, ja kommunistisches Engagement aufbrachte, außerdem wollte sie keine Kinder haben. Das seien die beiden Gründe gewesen, die zu ihrer Trennung geführt hätten, und auch meine Mutter habe er erst lange zu einem Kind, also zu mir, überreden müssen, sagte mein Vater und hat sich mir so nicht nur als mein Erzeuger, sondern auch noch als Erfinder und Schöpfer präsentiert.
Während mein Vater noch mit Ruth verheiratet war, lebte meine Mutter ihre ersten englischen Jahre als Mrs. Philby in Maida Vale und verkehrte nach dem Plan des sowjetischen Geheimdienstes in rechtskonservativen, ja deutsch- und Nazi-freundlichen Kreisen, von denen sie noch lange angeekelt sprach. Auf die Wiener frisch emigrierten Freunde muß diese Verwandlung ziemlich unglaubwürdig gewirkt und die Freundschaft auf eine harte Probe gestellt haben, oder aber, was wahrscheinlicher ist, alle diese Freunde, die ganze »Wiener Clique« oder zumindest viele von ihnen, kreisten ebenfalls auf weiteren oder engeren Bahnen des sowjetischen Geheimdienstes oder waren zumindest Mitwissende. Auch das hat mir meine Mutter nur angedeutet. Mein Vater aber, der allerdings nur zu gern schlecht von den Leuten redete, hat es mehr oder weniger bestätigt.
Der Ursprungsmythos meiner Eltern als Paar handelte nicht wie bei anderen Paaren von der ersten Begegnung, dem ersten Blick, den ersten Worten, sondern von einer Trennung. Wie mein Vater nämlich eines sonnigen Vormittags einfach und ohne jede Vorwarnung aus dem Büro des Exchange Telegraph als enemy alien verhaftet und dann interniert worden war und keine Zeit und Gelegenheit mehr gefunden hatte, meine Mutter, die gerade beim Friseur saß und sich wahrscheinlich eine ihrer zahlreichen Färbungen verpassen ließ, zu benachrichtigen. »Sie war erst seit kurzem meine Liebste«, lautete die immer wiederholte Formulierung, wenn er von diesem Ereignis berichtete, und das Wort »Liebste«, das er für meine Mutter benutzte, klang für mich fremd und ein bißchen peinlich, da ich meine Eltern ja nur geschieden kannte und das Wort nicht zu dem freundschaftlich neutralen Ton paßte, in dem ich sie sonst miteinander reden hörte.
Erst ein Jahr später war er aus Kanada, wohin die enemy aliens verschifft und wo sie interniert worden waren, zu seiner »Liebsten« nach London zurückgekehrt. »In Kanada bin ich zum Kommunisten geworden«, hat er berichtet. »Ich kann das so genau bestimmen, denn ich mußte mich in diesem Jahr des öden Lageralltags und unsinnigen Bäume-Fällens irgendwelchen intelligenten Menschen anschließen und hatte, so schien mir damals, nur die Wahl zwischen den religiösen Juden und den Kommunisten.« Mein Vater zog den Gebeten und dem »Lernen« der religiösen Juden die Schulungen zur Geschichte der KPDSU vor, die die Gruppe der deutschen und österreichischen Kommunisten anbot. Er lachte jedesmal, wenn er von dieser denkwürdigen Wahl erzählte, und ließ offen, wem oder was dieses Lachen eigentlich galt. Die kommunistische Gruppe hat ihn dann sogar als ihren Kandidaten für die Wahl zum Lagersprecher aufgestellt, denn bei den Engländern ging es sogar im Internierungslager noch demokratisch zu, und mein Vater wurde mit eindeutiger Mehrheit zum Lagersprecher gewählt, darauf war er noch den Rest seines Lebens stolz. Nach seiner Rückkehr nach London trat er bei Reuters ein, jeden Morgen von halb fünf bis halb sieben hatte er dort die internationale Presse durchzuarbeiten, und von dieser frühmorgendlichen Zeitungsauswertung sprach er noch viele Jahren später voller Erschöpfung und Begeisterung.
Meine Mutter nahm zur gleichen Zeit in einer Rüstungsfirma einen war job als tool trainee an und erwarb sogar das Werkzeugmeisterdiplom, das das einzige Diplom ihres Lebens geblieben ist. Inzwischen gab es jede Nacht Bombenalarm, und diese Bombennächte waren ein Zentrum ihres England-Epos, in dem nun hochdramatische Ereignisse zur Sprache kamen, brennende Straßen, einstürzende Häuser, die Furchtlosigkeit und Diszipliniertheit, ja Heldenhaftigkeit der Londoner und das tapfere Königspaar, das mit seinen beiden kleinen Töchtern allgegenwärtig blieb und ihnen als Vorbild diente. Außerdem war gerade eine neue Proust-Übersetzung erschienen, über die sie Nacht für Nacht im Luftschutzkeller diskutiert hätten, erzählte mein Vater, man traf dort ja immer dieselben Leute, doch darunter habe auch so ein Angeber, ein Literaturgeck gesessen, der alles besser wußte und sich vor Litzy aufspielen wollte, weil er wohl in sie verliebt war, so daß mein Vater so eifersüchtig auf ihn wurde, daß er bei Bombenalarm gar nicht mehr in den Keller hinunterging, um nur diesem Proustologen nicht begegnen zu müssen. Diese Geschichte gehörte zu meines Vaters Lieblingsgeschichten, er erzählte sie häufig, und meine Mutter bestätigte sie ein bißchen verschämt, wegen des potentiellen Liebhabers. Ich habe mich nie gefragt, um welche Proust-Übersetzung es sich gehandelt haben könnte, da doch das Gesamtwerk längst auf Englisch erschienen war und es darüber hinaus ziemlich unwahrscheinlich ist, daß meine Eltern Französisch und Englisch so perfekt beherrschten, daß sie sich an solchen Diskussionen beteiligen konnten. Aber ich nehme an, diese ausschmückenden Erzählungen von Lebensmomenten der Emigration dienten, wie alle Erzählungen, einer höheren Wahrheit und tieferen Weisheit, denen gegenüber solche Details wenig bedeuten.
Manchmal erzählte mein Vater auch von Gizella, Litzys Mutter, meiner Großmutter, von der sie selbst wenig sprach. Er hatte sie noch in London kennengelernt, wenn er sie als Litzys neuer »Verlobter« besuchte. Sie habe immer nur Ungarisch mit ihrer Tochter gesprochen und sie bemuttert und befürsorgt, was Litzy offensichtlich schrecklich auf die Nerven gegangen sei. Ihr Deutsch muß ziemlich ungarisch geklungen haben, wenn sie ihn, mit mindestens vierfachem R, Géorrrrg nannte, und mit der Zeit, sagte mein Vater, hörte es sich sowieso immer mehr wie György an. Aus dieser Erinnerung behielt mein Vater aber eine anhaltende Sympathie für die ungarische Sprache. »Äsbästäck«, nannte er manchmal, durchaus liebevoll, meine Mutter, um sie zu ärgern.
»Deine Großeltern sind in London begraben«, war eine weitere Zeile aus dem England-Epos. Da ich sie jedoch nie gesehen und gekannt habe, klang »deine Großeltern« genauso unwirklich wie »meine Liebste«. Aber es klang auch deshalb unwirklich, weil zwischen dem Gut in Ungarn und den Gräbern in London sonst nicht viel von ihnen überliefert worden war. Nichts oder nur sehr wenig von ihrem Leben in Wien, wo sie sich, wie ich annehme, als gutbürgerliches Beamtenpaar, ohne revolutionäre Versuchung und fern vom Roten Wien, in einem möglichst wohlgeordneten Leben einzurichten versucht hatten, bevor der unselige »Anschluß« sie aus diesem Bemühen ein für allemal hinauswarf. Meine Mutter, die zur Revolution aufgebrochen war, fand das Leben ihrer Eltern wahrscheinlich spießig, kleinbürgerlich und entsetzlich brav, und vielleicht hatte sie sich ihrer sogar geschämt, vor Mitzi, vor den Genossen von der Roten Hilfe und der KPÖ, die sich gerade anschickten, die Welt zu verändern, statt nur Vanillekipferln zu backen und sich im Büro einer jüdischen Gemeinde mit deren Sorgen und Administration zu beschäftigen. Vielleicht aber schämte sie sich auch, weil sie ihren Eltern auf dem Londoner Friedhof nie einen Grabstein setzen ließ. Als sie mich nach der fünften Klasse mit meinem Traveller-Paß nach London schickte, hat sie mir von allen nur möglichen Freunden und alten Wiener Bekannten erzählt und mich zu ihnen geschickt, doch auf den Friedhof, auf dem ihre Eltern begraben sind, hat sie mich nicht geschickt. Die unkenntlichen Sandhaufen, unter denen sie lagen, habe ich erst fünfzig Jahre nach dem Tod meiner Großeltern entdeckt, und der Friedhofswärter, der die Eintragungen über die Begräbnisse von Israel und Gizella Kohlmann ohne Nachfrage, ohne Erstaunen und ohne jede Schwierigkeit in wenigen Minuten in seinen Büchern fand, versuchte mich sogar in meiner Aufregung über diese Entdeckung zu beruhigen und einen vernünftigen Grund für diese unerklärliche, ja schockierende Tatsache finden. »Na ja, es war Krieg, vielleicht gab es kein Personal, die Männer waren alle in der Armee, es fielen damals dauernd Bomben, das war der ›Blitz‹, Madam!« Doch im Mai 1939, als mein Großvater, wenige Wochen nach seiner Ankunft, begraben wurde, war noch kein Krieg, und es fielen auch noch keine Bomben auf London, und meine Mutter lebte noch in Paris am Quai d’Orsay.
Über das letzte Kapitel des Lebens ihrer Eltern hat sie fast nichts erzählt und kein Wort über die Gräber verloren, die sie ohne Namen, ohne Zeichen, ohne Stein in England zurückgelassen hat. Nie hat sie die Briefe ihrer Mutter erwähnt, die, in einem zaghaften Lamento geschrieben, sogar ein vorsichtiges Auflehnen gegen das ungerechte Schicksal wagen: »Verzeih, daß ich immer jammere, ich muß immer soviel weinen, auch jetzt, wo ich diesen Brief schreibe, weine ich, Gott soll Dir beistehen, mein Kind, und wenn zu meinem Begräbnis nur wenige Menschen kommen, dann ist es um so besser.« Und dann die ausdrückliche Bitte um »ein anständiges Grab, mit dem Papa zusammen, wenn das möglich ist«.
Warum hat sie das nicht vor ihrer Abreise aus England in Ordnung gebracht? Warum hat sie das ihren Eltern angetan? Warum hat sie mir nie etwas davon gesagt? Wenn ihr Friedhöfe, Begräbnisorte und Grabsteine nichts bedeuteten, warum hat sie sie dann nicht verbrennen lassen und ihre Asche in den Wind gestreut, wie manche Menschen das tun.
Die Briefe ihrer Mutter und die beiden Karten, auf der die Lage der unkenntlich gelassenen Gräber auf dem Friedhof verzeichnet ist, hat sie jedoch Zeit ihres Lebens wie einen geheimen Schatz aufbewahrt. Zwischen den allerunwichtigsten Rechnungen, Briefen, irgendwelchen Zeitungsausschnitten und Fotos meiner Kinder vergraben, sollte ich sie nach ihrem Tod finden. Und genauso ist es auch geschehen. Die Briefe, die Karten fand ich, aber eine Erklärung fand ich nicht.
Vielleicht gehörte meine Mutter zu den Menschen, die, was sie lieben, verraten müssen und gerade in diesem Verrat ihre Bindung und enge Zugehörigkeit ausdrücken. Denn auch dem geliebten England gegenüber verhielt sie sich ja auf ähnliche Weise. Sie liebte, bewunderte, verehrte, ja verherrlichte es und verriet es. Sie hatte diesem Land und seiner Widerstandskraft ihr Überleben, das ihrer Eltern und unzähliger Freunde zu verdanken. Und sie betrog es und spielte ein falsches Spiel, wie das bei gefährlichen Liebschaften und großen Leidenschaften vorkommt, die sich aus den Geheimnissen entfachen, die sie vor der Welt verbergen müssen.
Sie verriet das geliebte England an eine Macht in einem fernen Land, das sie nur vom Hörensagen kannte, von dessen Grausamkeiten sie nichts wissen wollte, das sie nie betreten hat und von dessen Bewohnern sie kaum je einen zu Gesicht bekommen hat, im Gegensatz zu den Engländern, unter denen sie jahrelang lebte, deren Höflichkeit, Vernunft und Humor sie gar nicht genug rühmen konnte und die sie zugleich in einem parallelen Leben dauernd verriet. Vielleicht aus Angst vor Verhör und Verhaftung, vielleicht aber auch aus Fassungslosigkeit den eigenen Widersprüchen gegenüber hat sie England nie wieder in ihrem Leben betreten.
Jetzt war sie achtzig, saß in meinem Atelier und wollte mir etwas von ihrem Leben erzählen. Plötzlich, nach so vielen Jahren bloßer Andeutungen, hatte sie den Impuls verspürt, einige der Episoden ihres Lebens ungefähr aneinanderzufügen und mich zum Zeugen ihres schwachen Erinnerungsnetzes zu machen. Philby war vor kurzem gestorben, auch mein Vater war schon gestorben, und sie lebte nun wieder in Wien, an ihrem Geburtsort. Schon kurze Zeit, nachdem sie sich dort niedergelassen hatte, war sie von einem Philby-Biographen aufgespürt worden, der ihr in seinem Buch natürlich einige Seiten zu widmen gedachte. Er schickte ihr diese Seiten sogar zur Begutachtung, auf denen er über ihre love affair und Ehe mit Kim und die Rolle, die sie bei seiner Anwerbung zum KGB gespielt haben soll, berichtet, aber auch darüber, wie ihr Leben weitergegangen war.
Diese Seiten konnte sie also nicht einfach wegwerfen, sie hat sie gelesen und sich ziemlich aufgeregt und versucht, den Autor wenigstens davon abzuhalten, ihren vollen Namen zu nennen.
I am very much afraid, if in your book my name appears reporters start hounding me. I had a very difficult year with various serious illnesses, so I feal rather weak and exhausted and would not be up to the questioning of newspapermen.
Of course, you will say, that I could refuse all interviews, but this is harder that you might think. Would it be possible for you to leave out my full name, just saying, I was married and then divorced. (…)
I have read some of your interviews with Kim. I am sure that your book will be, as you say, a generally sympathetic treatment and I am glad about this.
Yours sincerely
Sie fing erst einmal an, in meinem Atelier herumzuräumen und Vorschläge zu machen, wie ich es besser und gleichzeitig schöner und funktionaler einrichten könnte, zunächst einmal hübschere Vorhänge, »denn Vorhänge und Fenster sind es ja, die dem Raum seinen Charakter geben. Und für den Boden könntest du dir doch mal einen Kelim kaufen und über den häßlichen Teppichbodenbelag legen, man kann so einen Kelim einfach in die Waschmaschine stecken, sehr praktisch, wirklich. Und schön.«
Dann erzählte sie.
»Ich bin von Kim, glaube ich, 1942 geschieden worden oder 1944 oder 45, aber vielleicht war es auch 1946. Ich weiß auch nicht mehr, in welchem Jahr wir uns zuletzt gesehen haben.«
»Aber Mutti, du mußt dich doch erinnern können, wann deine Scheidung von Kim war!«
»Ich kann mich auch nicht mehr erinnern, wann die Scheidung von deinem Vater war.«
Ich wußte es natürlich auch nicht, denn ich kannte meine Eltern ja nie als Paar, sondern nur als gute Freunde, die sich regelmäßig besuchten und die wichtigen unwichtigen Dinge des Lebens miteinander besprachen und berieten.
»Mutti, bitte, du mußt dich doch an irgend etwas erinnern können!«
Sie mochte es gar nicht, wenn ich sie »Mutti« nannte, obwohl ich sie mein ganzes Leben mit »Mutti« angeredet hatte, genauso, wie es meine Freundinnen in Karlshorst mit ihren Müttern auch getan hatten; sie fand das Wort »Mutti« preußisch und spießig – zwei Kategorien, die sowieso den absoluten Tiefststand aller Werte anzeigten –, den Berliner Dialekt scheußlich und die Berliner selbst uncharmant, unfreundlich und ordinär. Sie hatte sich mit der Stadt, in der sie doch immerhin fast vierzig Jahre lebte, nie anfreunden können, verlief und verlor sich dauernd, sogar in Karlshorst, einem überschaubaren Villenviertel mit einer Einkaufsstraße und einer S-Bahnlinie, die es in »vor dem Bahnhof« und »hinter dem Bahnhof« teilte, für uns Kinder eine Weltentrennung, die eine leichte, nicht nur geographische Orientierung ermöglichte, abgesehen vom Russenghetto, das deutlich abgegrenzt blieb und hinter dem Horizont der Karlshorster lag. In ihrer gespielten Hilflosigkeit drückte meine Mutter die Weigerung aus, Berlin als einen heimatlichen Ort zu akzeptieren, und blieb in dieser Haltung mit meinem Vater verbunden, der auch jeden Tag noch die hessische Hügellandschaft zu vermissen vorgab. Ein anderer Ausdruck ihrer Ablehnung war die Weigerung, sich die Namen ihrer neuen Mitbürger zu merken, es wurde geradezu zu einem Tick, jeden Namen zu verdrehen, aus Krüger wurde Kramer, Herrn Schmidt redete sie mit Herr Schneider an, als ob diese Namen wirklich unaussprechlich exotisch für sie wären, und auch meine Freundinnen nannte sie meistens mit Phantasienamen, die ihnen eigentlich ganz gut gefielen, weil sie so schön ausländisch klangen.
Ich aber habe diese Ablehnung Berlins immer als ungerecht und auch als unaufrichtig empfunden. In diese Stadt hatte mich meine Mutter nun einmal hineingeboren und dann darin aufwachsen lassen, und sie war mir heimatlich geworden, weil ich da meinen Schulweg hatte und meine Freundinnen in der Nachbarschaft lebten, deren Berliner Dialekt ich selbstverständlich sprach, manchmal gerade, um meine Mutter zu ärgern, die dabei die Augen zum Himmel drehte und so tat, als würde ihr das körperlichen Schmerz bereiten. »Bitte berlinere doch nicht so!« habe ich mindestens so oft gehört wie »Bitte frisier dich, bevor du zum Frühstück erscheinst!« Auf unseren gemeinsamen Reisen nach Wien blieb mein Berlinern, obwohl ich mich sonst tadellos benahm und nie unfrisiert zum Frühstück erschien, ein schlimmes Handikap, das meine Mutter in Verlegenheit brachte. Schließlich aber hatten sich doch meine Eltern, nicht ich, dieses preußische Berlin aus irgendwelchen Gründen zum Leben ausgesucht. Es gab wirklich keinen Grund, mich irgendeiner »Kollaboration« zu beschuldigen, fand ich.
»Ich habe London im Frühjahr 1946 verlassen«, erzählte sie weiter, und auch das war, wie immer, eine ganz ungenaue Angabe, denn zunächst kam nur mein Vater nach Berlin, der sie erst, als er eine Wohnung gefunden und seine Situation mit den Genossen geklärt hatte, wie er sich ausdrückte, nachholte. Er war auch nicht einfach »gekommen« oder »zurückgekehrt«, sondern war von Reuters als Berichterstatter nach Hamburg, in die britisch besetzte Zone, geschickt worden. Dort aber tauchte er ab und verschwand, löste sich in Luft auf und versetzte die Kollegen im Londoner Büro in Angst und Schrecken, als sie plötzlich seine Spur verloren, bis er wenig später im sowjetischen Sektor wieder auftauchte und der russischen Militärverwaltung seine Dienste anbot, die sie gerne annahmen, da er ja in England bei Reuters und beim Exchange Telegraph professionelle Erfahrung gesammelt hatte, die den Russen jetzt beim Aufbau eines antifaschistischen Pressewesens, wie sie es nannten, zugute kommen konnte. Und auch gleich an dessen Grenzen stieß, wie mein Vater jedesmal bei dieser Erzählung einflocht. In England war mein Vater der Kommunistischen Partei beigetreten, und »die Partei hat mich zurückgeschickt, denn sie brauchte Kader«, lautete die Formel, mit der sich weitere Nachfragen erledigten. Das Wort Kader wirkte aus dem Munde meines Vaters lächerlich; er war ein welt- und sprachgewandter, witziger Mann, der meistens eine wirklich gute Figur machte – wer hat denn schon mal so einen Kader gesehen!
Aus den ersten Tagen in Berlin hat mein Vater ein paar Tagebuchseiten hinterlassen, knappe Notizen, mit denen er die ersten Wege und Begegnungen beschreibt und nicht etwa seine Entscheidung, den Russen seine Dienste anzubieten, reflektiert oder kommentiert.
»Fühle mich glücklich, daß ich die Entscheidung getroffen habe, und schlafe wie ein Toter.« Dann berichtet er, wie er alles mit »Franz« abgesprochen habe. »Sagt erst Sie, dann du. Analysiert meine Position. Kann nach Hamburg gehen und den Engländern eine wichtige Arbeit machen. Das kann auch für uns sehr wichtig sein. Wie aber dann nach Monaten weg? Bin dann höchst suspect. Engländer werden mich besonders bespitzeln. Russen werden auch mißtrauisch sein. Brechen wir jetzt sofort, ist es eine saubere Sache, die bald von den Engländern vergessen sein wird. Entscheiden uns also für das letzte. Franz trifft selbst Anordnung, mich unterzubringen. Dann zu Piecks Sekretärin, kriege meine Essenmarken und ein Bett im Schlafsaal. Dann zum Hotel zurück, Portier war früher im ›Esplanade‹, er erkennt mich von ›früher‹ wieder, hat 45 Kilo abgenommen, sagt er, ist sehr gerührt. Weint.«
Ein paar Tage später hat er dann seinem englischen Chef den Abschiedsbrief geschrieben, den er sich von »Franz« absegnen ließ.
»Ausfrägt mich sehr genau über meine Parteilaufbahn, läßt sich meine Akte kommen, schreibt sich alles ab.
Am Abend dann bei Kurt, erzählt vom illegalen Kampf, wie abgewirtschaftet mit den Nerven sie alle wären, von seiner Verhaftung. Dann sagt er etwas sehr Nettes, daß es schön ist, daß ich hier bin, hierher gehörst du ja. Wir trinken auf eine gute, lange Freundschaft.«
Währenddessen unternahm meine Mutter ihre letzte Paris-Reise. »Paris, das ich so liebte, das ich so liebe!« sagte sie auf meinem Sofa im Atelier. »Ich wußte ja nicht, ob ich es je wiedersehen würde, ich war euphorisch, ich war melancholisch, und ich kaufte mir den Hut, den ich dann noch in Paris getragen habe, in Berlin habe ich mich das nicht mehr getraut.«
Aber auch ohne den Hut wurde sie in Berlin beargwöhnt. Gerade das Aussehen und Auftreten meiner Eltern scheint die Ablehnung ihrer neuen Nachbarn hervorgerufen zu haben, jedenfalls nahmen diese äußeren Aspekte den größten Raum in den Spitzelberichten, die ich später gelesen habe, ein. Die »auffällig westliche Kleidung«, ihre »Arroganz«, ihr »renommiertes Auftreten«. »Sie verhalten sich völlig reserviert zu den in der Umgebung wohnenden Genossen und sondern sich von alles (sic!) ab und sind sehr angeberische und eingebildete Menschen.«
1951, als mein Vater noch Chefredakteur der BZ am Abend war, wurde über ihn ein »Vorgang« angelegt, in dem steht, »H. ging 1934 freiwillig ins Ausland und war bei der Nachrichtenagentur Reuters beschäftigt, dessen Mitarbeiter alle im Dienst des amerikanischen Geheimdienstes stehen. Da H. eine sonderbare und undurchsichtige Rolle im Betrieb spielt und nichts über seine frühere Tätigkeit verlauten läßt, wird vermutet, daß H. bei der Reuters-Agentur eine Agentenrolle gespielt hat und auf Grund seines sonderbaren Benehmens wahrscheinlich noch Verbindung zum amerikanischen Geheimdienst hat.«
Von meiner Mutter gibt es keine Stasi-Akte. Denn obwohl sie es nie so deutlich gesagt hat, ging aus dem, was sie mir da in meinem Atelier erzählte, doch hervor, daß die Stasi für sie einfach gar nicht zuständig war, weil sie direkt vom KGB »geführt wurde«. »Damals, bei meiner Reise von Paris nach Berlin, mußte ich über Prag fahren«, erzählte sie. »Ich wurde von den Russen durchgeschleust und mußte auch nicht in Quarantäne wie die Sudetendeutschen, mit denen ich gemeinsam im Zug von Prag nach Dresden gefahren war.« In Prag hatte sie noch ihre Zwillingsfreundin Lotti, die inzwischen schon nach Wien zurückgekehrt war, getroffen, »weil Prag so nah von Wien ist und weil Lotti da außerdem Kehrschaufel und Besen kaufen konnte, die man 1946 angeblich in Wien nicht fand. Und in Dresden wurde ich dann vom russischen Oberkommandanten logiert«, fügte sie noch hinzu. Die Geschichte von Lottis Hamsterfahrt um Kehrschaufel und Besen hatte ich schon oft gehört, die vom russischen Oberkommandierenden aber noch nie. Er nahm sie sogar in seinem Auto mit nach Berlin, wo mein Vater schon auf sie wartete. Schließlich arbeiteten meine Eltern in den ersten Jahren nach dem Krieg im Sowjetischen Nachrichtenbüro, mein Vater als Chefredakteur und meine Mutter als Zensorin, sie hatte die Artikel auf den richtigen politischen Standpunkt zu überprüfen, da man ja nicht annehmen konnte, daß die deutschen Journalisten ihre Nazidoktrinen von einem Tag zum anderen ablegen konnten.
Von den Russen waren fast alle Juden, erzählten meine Eltern oft, meistens Germanisten, die wegen ihrer Deutschkenntnisse in die Propagandaabteilungen der Roten Armee geholt worden waren. Von ihrem Chef sprachen meine Eltern als von einem Menschen, der nur gute Eigenschaften auf sich vereinigte, intelligent, überaus gebildet und diskret war und dazu noch Humor hatte und folgerichtig später direkt von seinem Berliner Posten im Sowjetischen Nachrichtenbüro in den Gulag nach Sibirien geschickt wurde. Dieses Detail aber erfuhren sie erst viele Jahre später, nachdem er aus dem Lager zurückgekehrt war. Mir gegenüber erwähnten sie es nicht gern, bis ich in Moskau auf seine Witwe traf, die mir erzählte, daß er nach dem Lager kein langes Leben mehr gehabt hat. Wenn ich mich nach den Moskau-Reisen mit meinen Eltern stritt und sie immer bloß »Na, na, na« sagten, dann schleuderte ich ihnen seinen Namen und sein Schicksal entgegen, um sie an der Stelle zu treffen, von der ich annahm, daß es ihnen dort wirklich weh tat, da sie doch immer mit solcher Bewunderung und voller Freundschaft von diesem Mann gesprochen hatten.
Von der deutschen Familie, bei der meine Eltern in den allerersten Wochen in Pankow wohnten, sprach meine Mutter hingegen voller Verachtung. »Die haben sich immer nur selbst bemitleidet, von früh bis spät herumgeklagt und gejammert, wieviel Bettwäsche die Russen ihnen gestohlen hätten. Die Engländer habe ich während all der Kriegsjahre und Bombennächte in London nie jammern gehört.« Und das war nur der Anfang ewiger Vergleiche zwischen den Deutschen und den Engländern, bei denen die Engländer eigentlich immer gut und die Deutschen immer schlecht wegkamen. Außer der Tatsache, daß sie die halbe Welt in Schutt und Asche gelegt hatten, um sich dafür dann auch noch selbst zu bemitleiden, konnte ihnen meine Mutter noch etwas anderes auf keinen Fall verzeihen: »Wenn du sie einmal zu dir nach Hause einlädst, merken sie einfach nicht, wann es wieder Zeit ist zu gehen. Engländer bleiben anderthalb Stunden, und dann ziehen sie sich zurück. Wie zivilisierte Menschen eben. Wer will sich schon stundenlang aussprechen!«
In der Luisenstraße hatten die Russen ein ehemaliges Berliner Stadtpalais requiriert, das sie zum Künstlerclub bestimmten und zu Ehren Tschechows »Die Möwe« nannten, dort konnte die antifaschistische Elite der zumeist aus der Emigration zurückgekehrten Künstler, so ähnlich wie in einem englischen Club, unter sich bleiben. Auch meine Eltern gehörten zu diesem Club, in dem man sich wenigstens nicht gegenseitig als Nazi verdächtigen mußte. Dort schlossen sie die Freundschaften, die dann später das Zentrum des Freundeskreises meiner Mutter bildeten und am 1. Mai nach der Demonstration zu ihrer Geburtstagsfeier nach Karlshorst herauskamen, die kryptozionistische Hilde, Jetty, die Krankenschwester aus dem spanischen Bürgerkrieg mit den strahlend blauen Augen, Berta aus dem Bund proletarischer Schriftsteller und Olga, mit der mein Vater ein Verhältnis hatte. Und wenn das Wetter schön war, setzten sie sich, um weiter über die Weltpolitik zu diskutieren, alle zusammen in den kleinen Garten hinter dem Haus, der nur uns vorbehalten war, aber von Lomi und Brauni bearbeitet wurde, bis auf die Tulpen, die meine Mutter selber setzte. In dem Garten gab es einen Birnen-, einen Apfel- und einen Sauerkirschbaum, die in einem glücklichen Rhythmus hintereinander blühten und dann Früchte trugen, die wir unter den Frauen im Haus verteilten, und was nicht aufgegessen wurde, wurde von Lomi und Brauni nach ostpreußischen Rezepten als Kompott oder Konfitüre für den Winter eingeweckt.
Wenn die Freunde nicht zu uns nach Karlshorst kamen, fuhren wir zu ihnen hinaus nach Niederschönhausen oder Grünau, zu den Rappoports, Kahanes, Kneplers oder Katzensteins und zu Gerhard und Hilde Eisler, die keine Kinder hatten und sich mir deshalb vielleicht mehr zuwandten als andere Erwachsene. Gerhard dozierte meistens, obwohl er so tat, als wollte er meine Meinung hören, sagte ich sie dann aber vorsichtig, war es aber auch nicht recht, obwohl ich ihm ja sozusagen Volkes Stimme zutrug. Besonders von Gerhard ging, ähnlich wie von der Mitzi in Wien, so etwas wie eine kommunistische Gründeraura aus, unter deren Strahlung meine Mutter schülerhafte und sogar ein bißchen verschämte Züge annahm, die sie entstellten. Ich mochte sie viel mehr, wenn sie von ihren Festen und Hüten in Paris sprach.
Immer noch amüsiert und mit einer Spur von Hochmut erzählte sie von den Verwicklungen um ihre Identität bei ihrer Ankunft in Berlin. »Die Russen, oder wenigstens einige von den Russen, wußten, wer ich war. Aber sonst wußte es niemand. Und bei der VVN haben sie sich dann angestellt, bevor sie mich in den Verein aufnahmen, weil ich nicht das normale Verfolgtenschicksal vorweisen konnte, sondern als englische Staatsbürgerin und Frau des Times-Korrespondenten die gesamte Nazizeit in England verbracht und nie vorher in Deutschland gelebt hatte. Da habe ich ihnen den Rat gegeben, sich doch bitte in Moskau nach meiner Identität und politischen Laufbahn zu erkundigen.« In dem Ton, in dem sie es mir jetzt erzählte, klang noch immer Herablassung. Nachdem die Genossen von der Kontrollkommission sich erkundigt hatten, bestätigten sie ihr, sogar ohne die sonst üblichen Überprüfungsgespräche, die Anerkennung als »Verfolgte des Naziregimes« und ihre Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei seit 1933. Auf diese langjährige Mitgliedschaft legte sie großen Wert. Sie war keine neue Genossin, sie war eine alte Genossin.
Vom Status als »Verfolgte des Naziregimes« habe auch ich noch profitiert, denn diese Art der »Wiedergutmachung« bezog auch die Kinder der Verfolgten mit ein und sicherte ihnen zum Beispiel während des Studiums ohne weitere materielle Kriterien das Höchststipendium von 206 Mark und den Anspruch auf eine Wohnung. Aber nicht auf ein Telefon.
Meine Eltern gaben ungern zu, daß der Status eines »Verfolgten des Naziregimes« an politisches Wohlverhalten gebunden und nicht ein für alle Mal gesichert war, schon gar nicht etwa durch das Ausmaß an Leiden und Verfolgung, denn die etablierte Hierarchie stellte die »Kämpfer« über die »Opfer«, gab also den politisch Verfolgten einen höheren Rang und eine höhere Rente als denen, die etwa »nur« als Juden nach Auschwitz deportiert worden waren. Von Auschwitz mochten meine Eltern eigentlich genausowenig hören oder sprechen wie von den sowjetischen Lagern.
1951, während einer der zahlreichen Kampagnen gegen Sozialdemokratismus, Kosmopolitismus und Zionismus, sahen sich die jüdischen Genossen dann vor die Wahl gestellt, entweder Mitglied der Jüdischen Gemeinde oder der Partei zu sein, da die eine Mitgliedschaft die andere ausschließe. Und weil sie sich nicht der Verdächtigung aussetzen wollte, eine zionistische Agentin zu sein, trat meine Mutter wie die meisten ihrer Freunde, auch die Hilde, die von nun an ihre Liebe zu Israel noch fester in ihrem Herzen verschließen mußte, aus der Jüdischen Gemeinde aus. Erstaunlich ist eigentlich, daß sie nach dem Krieg überhaupt in die Jüdische Gemeinde eingetreten war; meinem Vater wäre das nicht im Traum eingefallen. Diese »Wahl« zwischen der Jüdischen Gemeinde und der SED war nur eine der zahlreichen Unterwerfungsgesten, die man den Genossen abverlangte, besonders, wenn sie aus dem westlichen Exil zurückgekehrt waren. Die Schicksale der Genossen Merker, Schrecker, Siegbert Kahn, in deren Umkreis meine Eltern sich bewegten, mußten sie angstvoll daran erinnern, wie ungesichert ihre Situation war. Nie habe ich etwas Genaues über das Ausmaß der Bestrafung dieser in Ungnade gefallenen Kampfgefährten gehört, aber allein der Ton, in dem meine Eltern von ihnen sprachen, verriet, wie unglücklich ihr Schicksal gewesen sein muß, dem meine Eltern durch alle nur möglichen Anpassungsmanöver zu entkommen suchten.
Vielleicht aber erlebten sie die 50er Jahre in der DDR mit all den Manipulationen, Herabwürdigungen und dauernden Verdächtigungen wegen ihrer jüdischen und bürgerlichen Herkunft und des westlichen Exils, diese Jahre ununerbrochener Kontrollverfahren und Säuberungen, auch immer noch oder gerade jetzt als Versprechen des Kommunismus, der irdische Prüfungen für eine kommende Erlösung von ihnen verlangte. Oder sie fühlten sich wie Soldaten eines großen Heeres, die trotz allen Drills und aller Drangsale und aller drohenden Gefahr stolz darauf sind, in dieser großen Armee einen Rang zu besitzen, und darauf hoffen, eines Tages eine Auszeichnung für Mut, Tapferkeit und Hingabe zu erringen. So ähnlich mögen das die Rosenbergs empfunden haben, als sie auf dem elektrischen Stuhl ihr Leben beendeten. Im Gegensatz jedoch zu ihren Glaubensbrüdern in den sozialistischen Ländern, die, wenn sie nicht in der Verbannung und in Lagern krepierten oder in Schauprozessen zum Tode verurteilt wurden, sich in einem unwürdigen Leben der Unterwerfung demütigen mußten, wurden den Rosenbergs zwei Plätze als Märtyrer in der kommunistischen Heilsgeschichte eingeräumt. Rajk, Kostov, Slansky und ihren Gefährten, die ungefähr zur gleichen Zeit hingerichtet wurden, war ein solcher Aufstieg in die Himmel nicht vergönnt und auch keine Empörung der »Friedensfreunde in aller Welt«. Wenn meine Mutter mit solcher Überzeugung von den Rosenbergs sagte, »aber unschuldig waren sie nicht«, drückte sich darin wohl ein gewisser Neid darauf aus, daß deren Opfer von den Göttern angenommen worden war, während sie so viele andere abgewiesen und verhöhnt hatten.
Nachdem die beängstigenden 50er Jahre mit ihren Prozessen und Kontrollverfahren vorüber waren, hofften meine Eltern und ihre Freunde in den späteren Jahren auf einen offeneren, menschenwürdigeren und auch geschmackvolleren Sozialismus, wie sie ihn im Eurokommunismus und später im Prager Frühling aufscheinen sahen.
Meine Mutter hatte ja eigentlich, abgesehen von dem englischen Werkzeugmeisterdiplom, keine richtige Ausbildung in irgendeinem Fach oder Beruf, sie hatte nach der Matura lediglich ein Jahr lang, ohne jeden Abschluß, in Grenoble Französisch studiert. Wohl wegen der Fremdsprachen, die sie beherrschte, irgendwoher konnte sie auch ganz gut Italienisch, wurde sie dann nach der Arbeit mit den Russen im Sowjetischen Nachrichtenbüro Pressechefin bei der neu gegründeten DEFA, und später hat sie sich, da sie nun schon einmal beim Film gelandet war und weil es ihr im Filmgeschäft gefiel, im Synchronstudio der DEFA zur Synchronregisseurin ausbilden lassen. Diesen Beruf liebte sie, wahrscheinlich auch deshalb, weil sie in der ansonsten engen, provinziellen Welt, in der sie sich nun eingerichtet hatte, hier ihren kosmopolitischen Charakter ungestraft ausleben konnte. Wenn sie englische, französische oder italienische Filme synchronisierte, Rot und Schwarz mit Gérard Philipe oder Die Hexen von Salem mit Yves Montand und Simone Signoret oder Das L-förmige Zimmer mit Leslie Caron, konnte sie eine wenigstens imaginäre Verbindung zu diesen Kulturen, die sie bewunderte, aufrechterhalten. Von den ungarischen, tschechischen und russischen Filme verstand sie immer, sich die interessantesten auszusuchen, die von Miloš Forman oder von Miklós Jancsó etwa. Solange ich Kind war, verpflichtete sie mich dabei auf alle Kinderrollen zwischen 2 und 14 Jahren, weil es so am einfachsten war; für die Schule erlog sie mir dann irgendeine stichhaltige Entschuldigung, und mir machte es natürlich viel mehr Spaß, die Tage mit meiner Mutter in der Dunkelheit des Filmateliers zu verbringen, in dem gerade ein ungarischer oder französischer Film Take für Take, wie es in der Synchronsprache hieß, ins Deutsche übertragen wurde. Ich glaube, sie fühlte sich in dieser etwas unwirklichen Atmosphäre, halb im Kino, halb im richtigen Leben, ausgesprochen wohl, und auch in der ziemlich engen Bindung des Teams, dessen Chefin sie als Regisseurin war und das über viele Jahre das gleiche blieb, so daß es immer mehr einer Familie ähnelte, in der jeder seinen Platz, seine Rolle, seine Kose- und Spitznamen hatte. Wenn die anderen vom Team meine Mutter voller Respekt, aber auch Zuneigung »Frau Gräfin« nannten, drückte das wahrscheinlich eine Distanz aus, die zunächst einmal dem Wiener Akzent, aber darüber hinaus wohl ganz allgemein ihrer etwas anderen Herkunft und Lebensgeschichte galt, über die meine Mutter ja nie sprach, ohne sie jedoch wirklich zu verheimlichen. Mit diesem »Gräfinnen-Status« konnte sie sich leicht anfreunden, da er ihr eine wohlwollende, unbedrohliche Distanz sicherte. Sie zog aus diesem Rollenspiel manchen Vorteil und verschaffte sich mit »Wiener Charme« und gespielter Hilflosigkeit Bücher und Restaurantplätze und was sonst in der DDR begehrt war, das heißt, woran es mangelte. Eine Taxifahrerin, mit der sie später im selben Haus in der Karl-Marx-Allee wohnte, erhob sie, die nie Autofahren gelernt hatte, in den Rang ihrer persönlichen Chauffeurin, und beide fanden in diesem Arrangement nur Vorteile.
Ab und zu wurde in den Studios von Leipzig oder Weimar gedreht, dort lebte das Team dann zwei, drei Wochen im Hotel, sie frühstückten alle zusammen, arbeiteten zusammen, gingen abends zusammen ins Restaurant essen. Manchmal besuchte ich sie dort übers Wochenende, und dann schien sie mir gelöst und entspannt, wie aus allen anderen Lebenszusammenhängen herausgenommen und als wären alle diese »Kapitel« ihres Lebens fern und ohne größere Bedeutung. Vielleicht war es ihre stärkste Begabung, sich ganz dem Augenblick hingeben zu können und völlig in der Gegenwart zu leben.
Bei der Synchronarbeit im Studio war sie einfach eine »Kollegin«, wenn auch mit »Gräfinnen«-Status, in den ersten Jahren war sie auch Genossin der Betriebs-Parteileitung gewesen, später nur noch einfache Genossin. Der Betrieb, wie sie das Synchronstudio nannte, versammelte über die Jahre eine große Anzahl von Leuten, die dort untergekrochen waren, um am Rande des Kulturbetriebs einen Platz zu finden, an dem man nicht allzuviel Unterordnung und dauerndes politisches Bekenntnis von ihnen forderte und an dem sie unbeachtet bleiben konnten. Mit der Zeit sympathisierte meine Mutter mehr und mehr mit diesen vorsichtigen Verweigerern, ja, freundete sich sogar mit ihnen an, während sie sich von einigen alten Freunden, die krampfhaft an den alten Parolen festhielten, entfremdete.
Aber nicht nur die Wege der alten Kampfgefährten trennten sich langsam, auch unser beider Wege waren inzwischen auseinandergegangen, denn nach dem Abitur war ich aus dem Witwenhaus in der Vorstadt in eines der Stadtviertel im Zentrum, wo die Studenten wohnten, gezogen. Ich hatte zuerst geglaubt, meiner Mutter die Absicht eines Auszugs zartfühlend beibringen zu müssen, sie aber hatte die Mitteilung enthusiastisch aufgenommen, da sie ihr die Möglichkeit eines neuen Umzugs eröffnete, den sie sofort zu planen und in die Tat umzusetzen begann. Die Idee, sich nun eine kleine Wohnung im Stadtzentrum zu nehmen und einzurichten, gefiel ihr nur zu gut, und bald schon tauschten wir die Wohnung in der Karlshorster Villa gegen zwei kleine Wohnungen im Zentrum Berlins, eine Zweizimmerwohnung für sie und ein Zimmer unter dem Dach für mich. Den Umzug organisierte meine Mutter mit dem ihr eigenen Schwung und in so rasantem Tempo, daß ich mich fast rausgeworfen fühlte; nur wenige Wochen, nachdem ich den Wunsch auszuziehen geäußert hatte, stand der Umzugswagen vor der Tür und brachte ihre Möbel in die Karl-Marx-Allee. Ihre neue Adresse hatte den Vorteil, daß sie gegenüber dem Hotel Berolina lag, wo sie ihre englischen und Wiener Freunde unterbrachte, wenn sie zu Besuch kamen, die konnten dann gleich zum Frühstück zu ihr herüberkommen. Meine Dachwohnung dagegen lag hinter dem Friedrichshain, der von nun an unsere beiden Wohnungen trennte und verband wie ein kleiner grüner Ozean, den wir jedesmal durchqueren mußten, wenn ich sie besuchte oder sie mich.
Jahre später bin ich dann ganz von Berlin weggezogen, und da die Freunde meiner Mutter, die ihr am nächsten geblieben waren, in Wien lebten und sie Wien, im Gegensatz zu Berlin, »trotz der Österreicher« liebte oder sich das wenigstens einredete, ergab es sich fast natürlich, daß sie eines Tages nach Wien zurückkehrte. Wenn man sie nach den Gründen fragte, pflegte sie formelhaft zu antworten, daß es wegen ihrer Tochter und den Enkeln sei, doch das stimmte, obwohl es keine Lüge war, so nicht ganz, denn sie hatte ihre Rückkehr ja schon seit langer Zeit vorbereitet, noch bevor ich selbst Ausreisepläne schmiedete; seit Jahren hatte sie die nötigen Dokumente für die verschiedenen Anträge auf Wiederanerkennung ihrer österreichischen Staatsbürgerschaft durch ihre Freunde aus der DDR schmuggeln lassen und einen Rechtsanwalt in Wien beauftragt, diese Angelegenheit zu betreiben und zu beschleunigen.
Ihren Abgang selbst inszenierte sie in der ihr eigenen Art, »Litzy handgenäht«, hätte mein Vater gesagt, mit einem großen Schnitt und nur knappen Nähten. Statt lange Ausreiseprozeduren über sich ergehen zu lassen, packte meine Mutter an einem Tag im Juli einfach wie sonst zwei Koffer für ihre jährliche »Westreise«, die ihr die »Organe« wie allen Rentnern zugestanden, schloß die Tür hinter sich zu, nahm vom Ostbahnhof den »Vindobona« nach Wien Westbahnhof und quartierte sich zunächst bei ihrer Zwillingsfreundin Lotti ein, um nie wieder nach Berlin zurückzukehren. Sie war jetzt 74 Jahre alt und brach wieder einmal alles hinter sich ab. Um gar keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen, schickte sie den Nachbarn in der Karl-Marx-Allee einen Brief mit ihren Wohnungsschlüsseln und der Mitteilung, daß niemand mehr mit ihrer Rückkehr zu rechnen brauche und sie auf alles, was sich in der Wohnung befand, ebenso verzichte wie auf das Geld, das sie noch auf ihrem Konto bei der Sparkasse, Kontonummer soundso, hatte. Die Shakespeare-Ausgabe von 1784, den Pléiade-Band der Comédie Humaine aus dem Besitz Stefan Zweigs, die Schlimmen Liebschaften in der Übersetzung Heinrich Manns mit dessen Widmung und ihren Pelzmantel hatte sie mir vorher geschenkt, so brachte ich diese wertvollen Stücke in meinem eigenen Umzug mit hinaus. Sonst gab es nichts, was ihr aus den 37 Jahren ihres Lebens in Berlin einen Seufzer des Verzichts wert gewesen wäre. Zu den Schlüsseln und dem knappen Abschiedsbrief hatte sie den Nachbarn, die praktischerweise bei der Stasi waren, auch ihr Parteibuch mit in den Brief gesteckt.
In Wien angekommen, schrieb sie einen ganz ähnlichen Brief an die Botschaft der DDR, dem sie nur anfügte:
Ich bitte, aus der Staatsbürgerschaft der DDR entlassen zu werden, um die österreichische Staatsbürgerschaft annehmen zu können. Ich bitte um Bestätigung meines Schreibens.
Hochachtungsvoll
Alice Honigmann
Obwohl das Schreiben nie bestätigt und natürlich noch weniger beantwortet wurde und obwohl meine Mutter im Konsulat des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Nordirland auch nicht, wie es die Republik Österreich von ihr erwartete, eine Verzichtserklärung auf ihre ehemalige britische Staatsbürgerschaft abgeben konnte, da diese »nicht mehr verifizierbar« war, verlieh ihr die Republik Österreich ohne größere bürokratische Verwicklungen die österreichische Staatsbürgerschaft in Form einer diplomartigen Zuerkennung, eines Reisepasses, eines Personalausweises und eines Opferausweises, der »den Inhaber einer weitgehend bevorzugten Behandlung empfiehlt«. In allen diesen Dokumenten war natürlich als Geburtsort »Wien« eingetragen, und dem Anschein der Papiere nach, die nun ihre österreichische Identität bestätigten, hatte sie Wien seit dem Tage ihrer Geburt möglicherweise nie verlassen.
Sie richtete sich hinter dem Namensschild des Dr. John in der Theresianumgasse im 4. Bezirk ein und machte sich sogleich geradezu eifrig an die Aufarbeitung aller österreichischen Aktualitäten aus Politik, Kultur und Gesellschaft, die sie in den letzten vierzig Jahren ein bißchen verpaßt hatte, las deshalb immer gleich mehrere Zeitungen und versäumte an keinem Abend die Nachrichten im ORF, wenn sie nicht gerade zu einer wichtigen Theateraufführung gehen mußte. Sie gab sich alle Mühe, als Einheimische akzeptiert zu werden oder wenigstens nicht als Fremde aufzufallen, wozu es ja auch tatsächlich, wie ihre Papiere und Ausweise bewiesen, keinen Grund gab. Sie repetierte die »Heimatkunde« und schnitt sich sogar irgendwo eine Österreichkarte aus, auf der die einzelnen Bundesländer schön übersichtlich, in verschiedenen Farben, eingezeichnet waren, aber auch noch ein kleiner Teil von Ungarn zu sehen war, gerade Nagykanizsa, das ja nahe an der Grenze liegt. Die ausgeschnittene Karte klebte sie auf eine feste Pappe, so daß sie sie auf ihrem Schreibtisch aufstellen konnte, gleich neben den Fotos ihrer Enkel, und dort stand auch die Schreibmaschine, mit der sie ihre Briefe an mich in die Tasten haute, und »in die Tasten hauen« ist genau der richtige Ausdruck für ihre feurige Art, die Tasten zu bearbeiten. Seit sie nämlich ihre eigene Schrift, die sich inzwischen in ein völlig kryptisches Zeichensystem verwandelt hatte, nicht mehr lesen konnte, schrieb sie nur noch mit der Maschine. Die Schreibmaschine stammte, genau wie alle anderen Gebrauchs- und Einrichtungsgegenstände, von der Bettwäsche bis zum Fernseher, von ihren Freunden, die auch die Miete für die Wohnung bezahlten, denn die kleine Pension, die der österreichische Staat meiner Mutter zugestand, reichte dafür nicht. Die Freunde sagten, daß sie sich damit nur für die lange Freundschaft revanchierten, und »alles eben zu seiner Zeit« und »jeder zu seiner Stunde« und »das ist ja wohl das mindeste«, denn zu einer anderen Zeit, damals in Paris und London, sei es Litzy in der Rolle von Mrs. Philby gewesen, die ganze Mannschaften von Freunden und Bekannten unterstützt und unterhalten habe, sogar Perlenketten habe sie ja damals verschenkt.
Die Briefe, die sie mir mit Blick auf die Fotos ihrer Enkel und die Karte Österreichs schrieb, berichteten von ihrem Alltag, wen sie getroffen und gesprochen, was sie eingekauft und im Fernsehen gesehen hatte, und dazwischen standen Betrachtungen und Kommentare zur österreichischen Tagespolitik, von denen ich natürlich immer nur die Hälfte verstand. Nie aber enthielten die Briefe meiner Mutter eine Rückschau auf das Leben, das sie vor langer Zeit an diesem Ort geführt hatte. Sie verweigerte oder mochte die Erinnerung einfach nicht, und sie suchte keine Vergegenwärtigung eines früheren Lebens mit ihren Eltern, ihrem ersten Mann, mit Kim Philby oder Mitzi in diesen Straßen oder jenem Bezirk. Alle diese Menschen erwähnte sie in ihren Briefen nie.
Österreich nahm sie jetzt so, wie es nun einmal war, vertraute ihm mit seinen zwei stützenden R in der Mitte, und auf irgendeine Weise ließ sie den dauernden Gesinnungszwang, den sie sich so lange auferlegt hatte, von sich abfallen. In dem alten Wiener Freundeskreis waren alle in die gleiche Mythologie eingesponnen, und es war überflüssig, viel von der Vergangenheit zu erzählen, außer natürlich die Anekdoten, über die man nun schon seit so vielen Jahren lachte und die dafür immer wieder gut waren. Eine der alten Freundinnen fühlte sich allerdings verpflichtet, wenigstens in diesem Kreis des öfteren Zeugnis davon abzulegen, daß Gustav Gründgens damals in Berlin, wo sie Medizin studiert hatte, nach 1933 für die inzwischen verbotene KPD regelmäßig sehr große Summe gespendet habe, er habe ihr das Geld direkt in die Hand gegeben, und man müsse ihm doch Gerechtigkeit widerfahren lassen, nachdem sein Ruf so beschmutzt worden sei.
Die allermeisten der Wiener Freunde meiner Mutter hatten sich mittlerweile langsam und unauffällig aus dem Revolutionsheer geschlichen, in ihre Erzählungen von der »Bewegung«, wenn sie überhaupt davon erzählten, mischte sich mehr und mehr Ironie; einer nach dem anderen war aus der Partei ausgetreten, die sie inzwischen nur noch VV oder OVV nannten, das war die Abkürzung für Verdummungsverein bzw. Oberverdummungsverein. Dafür traten sie alle wieder in die Jüdische Gemeinde ein oder regularisierten ihre Mitgliedschaft, die sie jahrelang nicht beachtet hatten. Auch meine Mutter trat nun wieder in die Israelitische Kultusgemeinde ein, deren Beamter ihr Vater bis zum »Anschluß« gewesen war.
Dieser Wiedereintritt war wohl weniger eine Rückkehr zu den jüdischen Wurzeln als ein Ausdruck des Unbehagens und Unwohlseins, das mit dem Alter kam, eine späte Verlegenheit und vielleicht sogar Scham über den radikalen Bruch mit ihrer Familie und Herkunft, über die Verachtung, mit der sie all denen begegnet waren, die nicht wie sie an die endgültige Befreiung aller Klassen und Rassen durch den Kommunismus geglaubt hatten. Vor allem aber wollten die Freunde sich mit diesem Wiedereintritt in die IKG einen Platz auf dem jüdischen Friedhof sichern, denn weiß Gott warum, diesen eingefleischten Materialisten, als die sie sich ja immer bezeichneten, war es wichtig, auch nach dem Ende ihres irdischen Lebens noch beieinander zu bleiben.
So verbrachte meine Mutter die letzten sieben Jahre ihres Lebens noch in Wien, richtete sich mit der alten Begeisterung ihre kleine Wohnung ein, die wahrscheinlich die kleinste Wohnung war, in der sie jemals gelebt hat, aber das war ja nur eine um so größere Herausforderung für die verhinderte Innenarchitektin. Jeden Tag telefonierte sie als erstes nach dem Aufstehen mit ihrer Zwillingsfreundin Lotti, die sie dann im Laufe des Tages irgendwo traf, um mit ihr Tee zu trinken oder gemeinsam etwas einzukaufen oder die neueste Ausstellung anzusehen, und einmal in der Woche halfen die beiden einen Vormittag im Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands aus, da es dort an Mitarbeitern fehlte.
Mit allen anderen Freunden telefonierte und traf sie sich auch regelmäßig und hatte überhaupt ein reges gesellschaftliches Leben, von dessen Berichten, all den Namen von Leuten, Theaterstücken, Ausstellungen mir geradezu schwindlig wurde. Mit Lotti schmiedete sie sogar Pläne, gemeinsam Pieter in Amsterdam zu besuchen, und bereitete die Reise auch schon vor, doch im letzten Moment sagte sie dann ab, und Lotti mußte allein nach Amsterdam fahren. Wahrscheinlich fürchtete sich meine Mutter zu sehr davor, dem Geliebten, mit dem sie seit fast fünfzig Jahren Briefe wechselte, als altem Mann wiederzubegegnen. Sie selbst war noch immer eine schöne Frau, wenn auch eine schöne alte Frau von der »Balkan-Art«, wie mein Vater das nannte, obgleich er immer stolz erzählte, wie sie in England einmal gemeinsam in irgendeiner Angelegenheit bei einem höheren Beamten vorsprechen mußten, mit dem sie eine halbe Stunde ohne Ergebnis verdiskutiert hätten und der auf die Entschuldigung meines Vaters wegen der in Anspruch genommenen Zeit geantwortet habe, oh Sir, Sie können sich nicht vorstellen, welches Vergnügen es mir bereitet hat, eine halbe Stunde die wunderschönen Hände ihrer Gattin betrachten zu dürfen.
Vielleicht in Erinnerung an diese Schmeichelei ging sie zweimal im Monat zur Maniküre und Pediküre und natürlich zum Friseur, um sich ihre Haare, an deren ursprüngliche Farbe sie sich nicht mehr erinnern konnte, in allen nur möglichen Tönen des Spektrums zwischen Tiefschwarz und Rostrot färben zu lassen.
Und während meine Mutter sich in Wien noch einmal mit der alten Begeisterung eine Wohnung einrichtete und so etwas wie ein neues Leben begann, gab Kim Philby der Sunday Times ein letztes, langes Interview, in dem er seine Sicht der Dinge erklärte und bekannte, daß er nichts bereue. Nichts. Bald danach, im Mai 1988, starb er, drei Jahre vor Litzy. Wieder erschienen Artikel und Aufsätze über den Jahrhundert-Spion, und ich erhielt von meiner Mutter einen Brief, in dem einmal nichts von ihren Besuchen, Einkäufen und österreichischen Tagesangelegenheiten stand:
  
Montag, 28.3.88
Mein liebes Töchterchen,
gestern Abend wurde ich von der Sunday Times aus London angerufen, nachdem mich vorher schon einer ihrer Österreich-Vertreter angerufen hatte. Es erscheint nämlich eine Serie bei ihnen über Kim mit einem Interview, das erste nach Jahrzehnten, das er einem ihrer Korrespondenten gegeben hat.
In der ersten Folge tauche ich natürlich auf, und sie wollen unbedingt von mir auch ein Interview. Ich habe strikt abgelehnt. Natürlich wollte ich nicht grob sein und den Hörer einfach auflegen, ich kann so etwas leider nicht. Sie werden ja nun in jedem Falle etwas über mich bringen, auch die Ablehnung und das Telefongespräch. Und heute war eine besonders nette junge Journalistin aus London am Telefon, der ich erklärte, daß es mir leid tut, aber ich hätte das seit Jahrzehnten abgelehnt und werde konsequent bleiben. Wir sprachen Deutsch und Englisch immer durcheinander, und weiß der Himmel, was sie nun bringen werden und ob sie nicht etwa eine Zeitung hier, z.B. die Kronenzeitung, beauftragen, etwas über mich rauszukriegen. Ich hoffe zu Gott, daß die österreichische Presse mich nicht belästigt, denn die sind nicht so fein wie die Engländer, daß sie vorher anrufen, sondern sie stehen gleich vor der Tür. Leider Gottes bin ich jetzt »news«.
Der netten Journalistin aus London habe ich gesagt, daß ich seit einigen Jahren in Wien bin, als Pensionistin, und mich glücklich fühle und meine Ruhe haben will.
Auf die Frage, ob ich noch in der Partei bin, hab ich nein gesagt.
Nun glaube ich zwar nicht und hoffe es nicht, daß man irgendwann zu Dir kommen sollte, aber wenn ja, so bitte ich Dich, nur zu sagen, daß Du zwar weißt, daß ich mit Kim einmal verheiratet war, aber sonst nichts darüber weißt, absolut nichts. Entspricht ja auch der Wahrheit.
Es bedrückt mich sehr, daß man doch von der Vergangenheit eingeholt wird.
Diese Mitteilung ist nur für Dich.
Lots of love
Mum
Entspricht ja auch der Wahrheit. Daß ich nichts weiß, absolut nichts.
Meine Mutter hat mich geboren, als sie vierzig Jahre alt war, ich blieb ihr einziges Kind, und sie wäre nach der Geburt fast am Kindbettfieber gestorben, weil der Arzt, wie mein Vater noch jahrelang scherzte, beim Kaiserschnitt die Schere in ihrem Bauch vergaß. Nur ihrer Stellung bei der Sowjetischen Militärbehörde hatte sie ihr Überleben zu verdanken, da die Genossen ihr das kostbare Penicillin beschafften, das damals noch schwer zugänglich war.
Sie hat mich geboren, und nun setze ich sie wieder als Legende in die Welt. Kurz hinter der Wahrheit und dicht neben der Lüge, so wie es ihr Credo war.
Mein Vater hat manchmal zu mir gesagt, weißt du, bei diesen politischen, manchmal dramatischen Entscheidungen, die wir glaubten, in völliger Freiheit getroffen zu haben, hat sich doch jeder von uns die Rolle ausgesucht, für die er prädestiniert war und in der er seinen Charakter ausleben konnte. Daß sich deine Mutter ausgerechnet den Geheimdienst wählte, sagte er, das hat nur zu gut zu ihr gepaßt. Und daß so ein Upperclass-Jüngling wie Kim Philby für sein Engagement auf der Seite des Weltproletariats die elitäre, ja aristokratische Geheimdienstkarriere wählte, war auch kein Zufall. Mein Vater konnte ihn offensichtlich genausowenig ausstehen, wie Pieter das tat.
Wenn meine Mutter über »dieses Kapitel aus meinem Leben« sprach, klang es manchmal nach Überdruß, aber manchmal klang es auch nach Stolz und manchmal klang es nach dem verschämten Eingeständnis einer geheimen Leidenschaft.
Meine Mutter hat niemals wirklich versucht, selbst die Fragmente ihres Lebens zusammenfügen; so wie ihre genialischen Kleiderkreationen hielten sie irgendwie »handgenäht« zusammen, bis sie auseinanderfielen. Sie hat auch keine Erinnerungen gesucht oder gepflegt, sie haßte jede Romantik und besonders die Romantik der Erinnerung. Rituale der Erinnerung brachten sie nur in Verlegenheit, denn in einer Art Osmose waren Elemente der verschiedenen Lebensstationen, Länder, Städte, Sprachen in sie eingedrungen und zeigten sich, changierend, als ungarische, wienerische oder englische Seite. Als sie nach fünfzig Jahren wieder in Wien lebte, geriet sie einmal in eine Runde von ehemaligen Spanienkämpfern und deren Frauen, die irgendwann anfingen, die alten Lieder zu singen. Da habe sie sofort gehen müssen, erzählte sie angewidert, es sei ja der reinste »Kameradschaftsabend« gewesen, und fügte noch hinzu: »Lieder singen! Gojim Naches!« Womit die Spanienkämpfer ungefähr auf das Niveau der Bauern in ihrem ungarischen Dorf degradiert waren.
Ich hätte den Lebenswegen meiner Mutter quer durch Europa nachreisen können, in das eingemeindete Kerkaszentmiklós, das von der Landkarte verschwunden ist, nach Nagykanisza, Wien, nach London und Paris, oder hätte versuchen können, die maison de campagne in Grosrouvre zu finden. Ich hätte mich in fremden Straßen vor fremde Häuser stellen können, an Orten, in denen ich niemanden und nichts kenne und schon gar nichts wiedererkenne und wo mir niemand etwas zu sagen hat.
Wo sollte ich etwa Korsika suchen, von dem sie manchmal sagte, »ach, Korsika kannst du dir gar nicht vorstellen!«, wenn ich das Foto betrachtete, auf dem sie unter Pinien auf einer steinernen weißen Bank zu sehen ist, auf deren Lehne, wie in Korsika nicht anders zu erwarten, irgendeine, wahrscheinlich kämpferische Losung zur Unabhängigkeit geschrieben steht, mit großem Ausrufungszeichen versehen, und im Hintergrund eine sich weit ausbreitende Stadt, vielleicht Bastia, vielleicht Ajaccio. Sie sieht sehr jung aus, meine Mutter, und trägt ein ganz leichtes Kleid, weiße Turnschuhe und eine offensichtlich bunte Kette mit dicken Klunkern im ziemlich weiten Dekolleté, das Haar kurz, ungebändigt und sehr dunkel, und natürlich konnte sie mir nicht sagen, ob das vielleicht ihre echte Haarfarbe war.
Doch solche Nachforschungen gleichen mir viel zu sehr dem Nachspionieren, einem Aneignen und Spiel mit dem fremden Leben, auch wenn es das Leben meiner Mutter ist und ich ihr einziges Kind bin und vielleicht irgendeinen Anspruch auf diese Geschichte erheben kann.
Nach ihrem Tod gewinnt das Kind einen freieren Blick auf die Eltern, weil dieser Blick nicht mehr von deren Größe oder Kleinheit verstellt ist, und dieser Perspektivwechsel bringt eine Art Umordnung mit sich, aber keine Offenbarung. Auch nach ihrem Tod ist meine Mutter so unverständlich und widersprüchlich für mich geblieben, wie es mein Vater so oft beklagt hat.
Sollte ich jetzt Revanche nehmen, ihr nachspionieren, nachforschen, Akten einsehen, Standesämter in halb Europa aufsuchen, Leute befragen, die Bruchstücke ihres Lebens aufklauben und zusammensetzen, die sie doch offensichtlich selbst zersplittert hat, halb, weil es ihr Wille war, und halb, weil es so gekommen ist, wie es eben gekommen ist.
Ich bin nirgends hingereist, hingefahren, hingegangen.
Habe keine Dokumente gesucht, gefunden, gesehen.
Ich habe mit niemandem gesprochen und keinem Menschen Fragen gestellt.
Ich hätte es tun können, aber ich habe es nicht getan.
Nach ihrem Tod habe ich eine Mappe mit Dokumenten und den Schuhkarton mit ihrer Fotosammlung an mich genommen. Den Karton habe ich jahrelang nicht geöffnet, während ich der Dokumentenmappe ab und zu ein Blatt für irgendeine Formalität, die zu erledigen war, entnehmen mußte. So war ich schnell auf die Karten mit den Begräbnisplätzen ihrer Eltern in London gestoßen, für die die Grabsteine fehlten. Aber ich werde nie genau erfahren, was ihre Botschaft an mich war.
Im Schuhkarton, den ich erst Jahre später öffnete, fehlten alle die Fotos, über die meine Mutter mir damals in Karlshorst geschickt jede Auskunft verweigert hatte und die ich dann später in Büchern reproduziert sah. Genau wie der junge Philby war allerdings auch der späte Onkel Wito aus der Fotosammlung spurlos verschwunden. Statt dessen gab es haufenweise Fotos ihrer Freunde und Fotos von mir und meiner Familie, meiner Kinder als Babys, als kleine Jungen, in der Wohnung, am Strand, im Gebirge, und Fotos ihrer Eltern. Eines davon zeigt einen Mann in einer Uniform des Ersten Weltkriegs, den sie mir immer als ihren Vater präsentierte. Mein Vater dagegen behauptete, das sei nie und nimmer Israel Kohlmann, er habe ihn ja noch gekannt, 1939 in London, was eigentlich unwahrscheinlich klingt, aber nicht unmöglich ist. Beide Aussagen bleiben unbeweisbar, und so werde ich auch diese Wahrheit nie erfahren. Wenn ich mir den Mann auf dem Foto genau ansehe, glaube ich eine Ähnlichkeit mit seiner Tochter, meiner Mutter, und sogar mit mir und meinen Söhnen erkennen zu können. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das aus dem Foto heraussehe oder ob ich es in das Foto hineinsehe.
Vielleicht ist es mein Großvater. Vielleicht auch nicht.

Barbara Honigmann

Barbara Honigmann wurde 1949 in Ost-Berlin geboren, wohin ihre Eltern aus dem Exil zurückgekehrt waren, und lebt heute in Straßburg. Sie arbeitete als Dramaturgin und Regisseurin, seit 1975 als freie Schriftstellerin. Ihr Werk wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Kleist-Preis (2000). Bei Hanser erschienen Damals, dann und danach (1999), Alles, alles Liebe! (Roman, 2000), Ein Kapitel aus meinem Leben (2004), Das Gesicht wiederfinden (2007) und Das überirdische Licht. Rückkehr nach New York (2008).

Auszeichnungen

2012 Elisabeth-Langgässer-Literaturpreis
2011 Max-Frisch-Preis
2005 Spycher-Literaturpreis
2004 Koret Jewish Book Award
2004 Solothurner Literaturpreis
2001 Jeanette-Schocken-Preis
2000 Heinrich-von-Kleist-Preis
1996 Ehrengabe der Schillerstiftung
1994 Nicolas Born-Preis
1992 Stefan-Andres-Preis
1986 Aspekte Literaturpreis
1986 Preis der Autorenstiftung

Bibliographie

Im Carl Hanser Verlag sind erschienen
1999 Damals, dann und danach
2000 Alles, alles Liebe! Roman
2004 Ein Kapitel aus meinem Leben
2006 Das Gesicht wiederfinden. Aufsätze und Essays
2008 Das überirdische Licht. Rückkehr nach New York
2011 Bilder von A. Roman
Weitere Veröffentlichungen (Auswahl)
1986 Roman von einem Kinde
1991 Eine Liebe aus nichts
1996 Soharas Reise
1998 Am Sonntag spielt der Rabbi Fußball